Proust lesen/Tag 8/Kiel/In Swanns Welt: S.140-160

Mit Lina abends Wein getrunken:

Weißt du eigentlich, dass ich früher immer berühmt werden wollte?

Da muss ich um die acht Jahre gewesen sein. Und weißt du wieso?

Weil ich Angst davor hatte irgendwann zu sterben, in der Erde verscharrt zu werden, und keiner erinnert sich mehr an mich. Das wars. Wenn man Glück hat wird man vielleicht zum Apfelbaum“, sagt Lina.

Erst später habe ich verstanden das das Glück im Kleinen liegt.

Ich weiß gar nicht mehr so genau was ich mal werden wollte. Irgendwas zwischen Partisan, Kapitän Nemo und Geräteturnweltmeisterin, irgendwann auch mal Journalistin.

Karla ist krank und nutzt die Zeit um tiefsinnige Fragen zu stellen, sich selbst und mir.

Ich bin etwas genervt weil ich seit zwei Tagen an dieses Haus gebunden bin und der Gatte mit Abwesenheit glänzt. Man kann es ihm nicht vorwerfen, er arbeitet.

 

Bedeckter Himmel und kühlere Temperaturen. Um einen Tonnentag vorzubeugen, habe ich mich bewusst für das Lesen entschieden. Inaktivität aushalten, wenn einem eigentlich nach Stadt und prallen Leben ist. Ich lese: „Das Drama des begabten Kindes“.

Später am Fluss, stahlblaue Libellen, Schwalben, gelbe Schwertlilien und der Geruch von gemähten Gras. Der Holunder beginnt zu blühen. Die Luft feucht und schwer. Der Wald ein Marktplatz.

Bei Proust ist Tante Leonie wieder Thema, diese durch Bettlägrigkeit und Hypochondrie ebenfalls zur Inaktivität gezwungen, lebt ein Leben in angenehmer Einförmigkeit. Es sind nicht die großen Sinnfragen die sie sich stellt, sondern seit Tagen plagt sie die Frage ob Madame Goupil es noch geschafft hat rechtzeitig in der Kirche zu sein.

Die Tage sind erlebnisarm. „Nicht, daß sie nicht manchmal nach einer großen Veränderung verlangt und ihre Ausnahmestunden gehabt hätte, in denen sie nach anderem als dem Bestehenden lechzte; Menschen, die aus Mangel an Energie oder Einbildungskraft in solchen Augenblicken nicht imstande sind, aus sich selbst den erneuernden Impuls zu ziehen….“

Der Duft von Weißdorn und Linde. Es ist Mai.

 

Der Tag für die Tonne

Proust lesen Tag 7/Kiel/In Swanns Welt S. 120-140

Im Roman ist Sommer und Sonntag. Die Dienstboten sitzen im Spalier vor dem Gartentor. Sehen und Gesehen werden. Die Stille wird von einer vorbei gallopierenden Kürasserie unterbrochen. Der erste Weltkrieg steht kurz bevor. Während Francoise die zum Tode verurteilte Jugend bemitleidet, findet der Gärtner es löblich so viele junge Menschen zu sehen, die nicht am Leben hängen.

Der Großvater  erscheint antisemitisch, jedenfalls sieht er es nicht gern, wenn sein Enkel mit einem Juden befreundet ist, egal ob er Bergotte mag oder nicht.

Dann kommt der Regen, erst sandkörnerleicht, dann rhythmisches Plätschern, später allumfassend.

Ein Tag zum in die Tonne treten. Der Gatte offenbart mir am Morgen in einer Improvisation über Jazzakkorde mit Sprechgesang seinen Tageslauf.

“ Oh“, sage ich, „ich dachte ich hätte heute frei, Sommerfest und so?“

Er erwidert, ich hätte doch nur gefragt ob ich wegkönne und das könne ich selbstverständlich, nur sei er eben auch nicht da.

Die Teenies wollen nicht mit zum Sommerfest, und ich will sie nicht den ganzen Tag allein lassen, auch wenn sie es könnten. Und so bleibe ich zu Hause- fluchend. Staubige Hitze, Sehnsucht nach Regen und Leichtigkeit. Keine besonderen Vorkommnisse, der Tag verschwindet in der Tonne.

 

Proust lesen: Fan

Proust lesen Tag 6 /Kiel

In Swanns Welt/Seite 100-120

Proust als Fan bzw. der Erzähler der namenlos bleibt, ist vom größten Glück erfüllt, wenn er einen Blick auf die Schauspielerinnen backstage erhaschen kann. Er spricht von einem Glück ähnlich dem Verliebtsein. Na wenn das kein Fandasein ist dann weiß ich auch nicht.

Dann gibt es da noch diesen Onkel der sich mit den Kokotten trifft. Ein Umstand der den Protagonist hoffen lässt, noch mehr in die Nähe der angebeteten Schauspielerinnen zu kommen.

Durchschaubar sind nur die Charaktere in Büchern, im wirklichen Leben erhaschen wir stets nur unsere Sicht auf die Person, ein großer Teil ist unsichtbar und wird durch eigene Interpretationen ergänzt. Interessanter Gedanke. Proust lesen ist schwierig und sehr spannend.

 


Der Mai ist unglaublich, eine sommersatte Mattigkeit liegt über der Stadt. Ich hole mir aus der Bibliothek „Das Drama des begabten Kindes“  und ein Buch über narzissstischen Missbrauch-„Wie schleichendes Gift“, ein Thema welches mich hoffentlich nicht betrifft. Der Sohn feiert seinen Geburtstag nach, natürlich mit Übernachtungsparty und zehn Gästen. Das wird ein Spaß!

Eine seltsame Melancholie, vielleicht weil ich mich auf einen eventuell bevorstehenden Abschied einstelle. Der Apfelbaum ist am Verblühen, der Flieder auch, dafür leisten Mohnblumen nun dem Rotklee Gesellschaft.

 

Wundersame Verschmelzung-Proust lesen Tag 5

Kiel/In Swanns Welt/S.80-100

In der Suche beschreibt Proust heute akribisch die Kopfbedeckung der Bediensteten Francoise. Die Haube, denke ich, kommt mir bekannt vor…..

Dann weiß ich wo ich diese schon mal sah-bei der Bediensteten( brillant dargestellt) aus einem Musical. Ich versuche diese Verbindung zu kappen, aber ehe ich mich versehe hat Francoise nicht nur die Haube von Mrs. X. auf, sondern auch deren rauchige Stimme, deren Temperament-überhaupt verschmelzen sie zu einem Wesen. Damit wird zumindest diese Figur im Roman für mich plastisch, greifbar. Ich frage mich ob es statthaft ist diesen Charakter in Proust einzubauen. Eine gewagte Verbindung, doch durch ihn erwacht Proust für mich zum Leben. Seis drum.

Tag am Meer mit Möwen, Himmelblau, Wind und Wasser.

nor

Später , Zuhause finde ich mein Zimmer belagert, Saxophonunterricht, ich bin so müde dass ich Zuflucht im Wohnwagen suche und sofort einschlafe.

Karla singt seit Stunden diesen Cranberriessong Zombie und übt Growling in ohrenbetäubender Lautstärke. Ich flehe um Gnade, aber das Kind will es können und growlt weiter.

Proust S. 80-100: Über viele, viele Seiten wird die Kirche von Combray beschrieben. Unterhaltsamer finde ich die Darstellungen über das was unbekannte Personen oder Hunde im Dorfe auslösen. Ein unbekannter Hund und Francoise wird sofort zum einkaufen losgeschickt. Kenn ich auch irgendwoher.

Satz des Tages: „Versuch immer ein Stück Himmel über deinem Leben zu haben, mein Kind, fügte er zu mir gewandt hinzu. Du hast eine reiche Seele, das ist eine Seltenheit, eine Künstlernatur; laß sie nicht darben an dem, was sie braucht.“

 

 

 

Zwischen Stadt und Land-Seßhaft aus Pflichtgefühl

Zug nach Hamburg/In Swanns Welt/Seite 60-80

Erinnerungsexplosion.  Im Zug nach Hamburg die Madeleineszene gelesen, diese hatte ich vor einigen Jahren in einem Wochenendseminar mit Jochen Schmidt  ausgiebig auseinander genommen.

Hamburgtag

In Altona flirrt das Leben. Genieße es in der Menge abzutauchen, erkunde die Bücherhallen im Mercado, durchstreife die Seitengassen, trinke Cappucino, schaue in die ausgeliehenen Bücher. Ich bräuchte mal etwas schwerelosere Literatur. Die Themen Narzissmus und Traumata ( in der Bibliothek bearbeitet)  heitern mich nicht gerade auf. Ich habe einen Konflikt mit unzureichenden Mitteln gelöst, nun liegt er mir im Magen. Zwischendurch whats apped die Freundin: “ Wollen wir am Wochenende in die Künstlerkolonie? Es gibt ein Fest.“

Schreibe dem Gatten: „Kann ich weg am Wochende? Hamburgtag decke ich ab.“

Später an die Freundin: „Klappt“

Altona ist toll, schrill, bunt, lebendig. Zum Glück hab ich auch George Sand ausgeliehen, weil die Mutter in der „Suche“ nachts dem Kind George Sand vorliest.

George Sand ist Premiere für mich: „Seßhaft aus Pflichtgefühl, glaubst du mein lieber Francoise, daß ich, vom stolzen und eigensinnigen Lieblingsgedanken der Unabhängigkeit hingerissen…“ Das könnte was werden. Da die Zweigstelle außer „Mallorca“ nichts von George Sand vorrätig hat, vertage ich es auf die Kieler Bibliothek.

Erst spät am Abend schlage ich wieder im Vorort auf, noch ist es warm, Duft von Flieder.

Proust Tag 4:  Anhand eines Stückchen Madeleine, versinkt Proust in einem Erinnerungsflashback, ähnlich ( in der Intensität, aber positiv)  einer traumabedingten Erinnerung, die man lebt wenn sie aufsteigt. Er versucht an dieses Erlebnis anzuknüpfen. Jochen Schmidt vermutet, dass jene Erinnerung vermutlich das ganze nächste Kapitel, bzw. die ganzen sieben Bände gebiert.

Weiterhin eine kranke Tante, die ausschließlich liegt und das Leben am Fenster liegend an sich vorbeiziehen lässt. Hypochondrie als Zeitvertreib.

Leider habe ich die zwanzig Seiten nur oberflächlich gelesen, Proust im Zug erscheint mir schwierig, jedenfalls für mich. Jochen Schmidt lese ich immer erst nach der Pflichtlektüre, um zu vermeiden versehentlich zu kopieren. Es muss genügen seine Vorgehensweise (Schmidt liest Proust),  1:1 abzukupfern.

Ein Tag am Meer liegt vor mir. Es ist nicht Balbec, aber dennoch nicht weniger spannend.

 

 

 

 

Dienstag-Tag 3 mit Proust- der gestohlene Kuss

Kiel/In Swanns Welt/S.40-60

Morgens Proust gelesen, genervt. Meine Güte, warum nur ist dieses Kind so zwanghaft an die Mutter gebunden, dass es in Kauf nehmen würde, ins Internat geschickt zu werden ob seiner nervösen Zustände. Das Kind braucht Freunde oder Geschwister, dann würde es nachts nicht schlaflose Stunden damit verbringen müssen, sich Strategien  zu überlegen, um doch noch an den Gutenachtkuss zu kommen.

Unsicher gebunden? Symbiose? Hmm. Ich bin froh diese Gutenachtkussgeschichte hinter mir gelassen zu haben.

Nach der Arbeit mit Karla zum Pferd gefahren, überall blüht es in satten Farben. Das Gelb der Butterblumen, Goldregen, das Violett des Rhododendron. Karla singt im  Bus „What shall we do with the drunken sailor“.  Noch später mit Anna zum Buchladen, ich konnte nicht widerstehen: Das Mädchen das in der Metro las“ musste mit.

Plausch mit der Nachbarin über den Gartenzaun, es ging um Pilgerwege.

Sommersatter Tag.

Ein nicht gegebener Kuss und von Kummer durchtränkter Bohnerwachs

Kiel/In Swanns Welt/S.20-40

Pfingstsonntag, vorerst so ereignislos wie ein weißes Blatt Papier.

Erst nachmittags raffe ich mich auf um mit den Hunden durch den Wald zu streifen. Drei Reiterinnen auf vor Kraft strotzenden Pferden. Mein Hals schmerzt.  Ich trete den Heimweg an.

Empfangen werde ich von einem kopfschüttelnden Julius: „Mama! Warum gehst du ohne Handy los? Papa hat einen Platten auf der Autobahn gehabt und Karla kommt nicht mehr pünktlich. Sie brauchten eine Telefonnummer!  Der ganzen Aufregung fiel Andorra zum Opfer.

Ein großes Dankeschön an die Autowerkstatt Mordhorst die alles gab um Karla doch noch pünktlich an ihr Ziel zu bringen. Sie hat es geschafft!

Hamburgtage

Es ist schon dämmrig als ich hinübergehe zu Julia, auf ein Glas Wein im Schein der bunten Lämpchen.  Julius feiert in seinen Geburtstag hinein, Anna ist in Norwegen, Karla und der Gatte in Hamburg. Und ich sitze im Vorort bei Julia im Strandkorb, nach einem Tag purer Abgeschnittenheit eine willkommene fröhliche  Abwechslung. Ich brauche das Alleinsein wie die Luft zum Atmen. Angriffe auf mein solitäres Dasein nehme ich persönlich, da meine Seele augenblicklich in einen asthmatischen Zustand verfällt, nach Luft ringt. Aber Abende mit Lachen und Klönen, Freundinnen und nette Nachbarn sind Glück pur.

 

Proust: Im Garten wird Swann empfangen, der außerhalb seiner Kaste heiratete und ein gern gesehener Gast ist. Trotzdem oder gerade deshalb? Seine Frau wird nicht empfangen. Für das Erzählerich scheinen die Abende unheilschwanger zu sein, denn sie bedeuten, dass die Mutter ihn den Gutenachtkuss nicht an seinem Bette geben wird (welche Symbiose!)

An diesem Abend gelingt es ihm noch nicht einmal, sich einen Gutenachtkuss im Salon zu rauben. Und so steigt er die Stufen, die nach Bohnerwachs riechen, entgegen seinem Herzen empor. Der Bohnerwachs aber enthält alle Erinnerungen nicht gegebener Gutenachtküsse und ist so Träger von Schmerz und Verlustangst.

Worte des Tages: völlige Anästhesie des Gehörsinns