Die Sprachlosigkeit der Nachkriegsgeneration

Es war der Moment als Karla in einem relativ umfangreichen Rahmen auf der Bühne stand, über ein Jahr, es Freikarten für die Familie gab und sie bat ihre Großmutter zu kommen.

„Ich würde mir wünschen das du kommst Oma.“ Oma kam nicht, das letzte mal hatte sie Karla gesehen, da war sie drei. Und ich dachte, sieh an, es hätte mir auch nichts genutzt, wenn ich so schön und erfolgreich wie Karla gewesen wäre.

Gestern war es Anna, die am Telefon sagte: Oma ich kann dir helfen, dein Handy einzurichten, ich würde dich gern sehen. Oma hatte keine Zeit.

Anna sagt, sie versteht nicht, dass ihre Großmutter am Meer Urlaub macht, an der Ostsee, aber nie bei uns. Das sie zu Weihnachten wegfährt, aber nie zu uns.

Zehn Jahre-sagt Anna-sind eine lange Zeit.

Es ist eine Entscheidungssache, sage ich. Entweder gebt ihr euch mit den Telefonaten und Päckchen zufrieden oder ihr brecht den Kontakt ab. Sie wird sich nicht ändern, ich glaube sie wird sich immer etwas dazwischen stellen. Das liegt nicht an euch, jeder gibt was er kann, der Eine  kann mehr der Andere weniger, aber würde sie mehr geben können, würde sie es tun.

Weise Worte, die mein Gefühlsleben unbeeindruckt ließen.

Wie zornig mich es macht, dass eine Verletzung die meine Biografie geprägt hat und leider mit jeder neuen Ablehnung der Enkel reaktiviert wird, weiter gegeben wird. „Ich will dein Erbe nicht“, hatte ich gesagt, „Geld kann das nicht ersetzen,  „die Enkel wollen dich sehen, das ist wichtig.“

Ich vermute dass niemand diesen Blog liest, der sie kennt, von daher ist es kein Online Pranger, aber ich überlege tatsächlich, mich dieser Verletzungen durch Kontaktabbruch zu entziehen. Sie wird sich nicht mehr ändern.

 

Proust lesen Tag 136-Sodom und Gomorrha-Morel

Kiel: Hab es heute wie Proust gehalten und bin im Bett geblieben, weitesgehend. Es musste sein.

Ich versuche mich in Nebenlektüre „Asymetrie“, aber es wird tatsächlich immer schwieriger, neben der Recherche noch Gefallen an anderen Büchern zu finden.

In einer kurzen Phase des Einnickens, träumte ich in einer Schwarz-weiß diaähnlichen Sequenz: mich, vor einem Plattenbau in X stehend, einem siebziger Jahre Kinderwagen haltend. Ich warf einen Blick auf den Plattenbau, dann auf den Kinderwagen und schob ihn wutenbrannt weg. Arterien des Unbewussten.

Am Ende des Tages ein Telefonat mit der Heimat, bei dem der Traum als Vorbote oder Rückblende gelten kann, wie auch immer. Für meine Kinder tut mir das leid, aber was kann man schon tun wenn dem einzig  verbleibenden Großelternteil die Beziehungsfähigkeit im Krieg abhanden gekommen ist, zu Telefonaten zwar fähig, aber nicht Mut oder das Interesse hat, die Enkel sehen zu wollen, ohne das es je ein Zerwürfnis gab.  Weitere Enkel gibt es nicht, ich war Einzelkind. „Ich kann euch das nicht erklären“, sage ich schulterzuckend. „Aber es tut mir leid, dass ich euch davor nicht bewahren kann .“ Ablehnung, Desinteresse ohne Schuld, ich bin nur froh dass dieser blinde Fleck auf mein Bonding mit meinen Kindern keine Auswirkungen hat.

Draußen krächzt eine Krähe, es dämmert bereits, Geruch von Holzfeuer. Spinnen die sich am Fenster abseilen, rötlicher Himmel, gelbe Blätter.

Proust: Morel scheint ein unehrlicher, opportunistischer Charakter mit einem „sinnlosen Grausamkeitsinstinkt“ zu sein, der Intrigen spinnt, Geld unterschlägt und für Geld alles tun würde.  

Charlus versucht ihn in die Geheimnisse des wahren Geschmacks einzuweihen und zelebriert das anhand einer Birnenbestellung. 

Proust lesen Tag 135-Sodom und Gomorrha-Charlus und Aimee

Kiel:

Es ist fast Höchststrafe zu nennen: Drei Wochen Herbstferien und keine Möglichkeit Urlaub zu machen. Das Haus befindet sich noch immer im Belagerungszustand. Ich bin erschöpft vom stetigen Trubel, dem Hamsterrad und trotz dessen, dass mir die Arbeit wirklich Spaß bringt.

An was von diesem Tag würde ich mich später noch erinnern?

An diese sommerlichen Temperaturen, die ich zu diesem Zeitpunkt satt habe. An Anna und Maria, die den dritten Tag in Folge an ihrer Torte backen?

An den Streit über Haushaltsbewältigung, an die seltsame Schwere, an das Buch Asymetrie? An das Bedürfnis nach Stille? An das fröhliche Lachen von Karla und Janne, als sie nach einer Shoppingtour im Twinlook hier ankamen. An die Geiselnahme am Kölner Hauptbahnhof, an die Hornisse im Kompost?

Manchmal suche ich bei Anna, der Ältesten nach den fröhlich offenen kindlichen Zügen von früher. Es fällt mir schwer sie zu finden und manchmal oder heute erfasst mich Wehmut nach der Zeit, als die kleinen Dinge noch von Bedeutung waren. Man konnte die Welt noch zusammen entdecken. Das Staunen verlernt sich schnell. Warum vergeht die Zeit immer schneller?, fragt Karla oft. Ich erzähle dann etwas von weniger neuen Eindrücken, Achtsamkeit, Gewohnheit.

Proust: Ich bin so gnadenlos müde , dass ich wohl leider wenig zu sagen haben werde.

Rückblende: Charlus wollte Aime, Aime merkte das aber nicht und fiel aus allen Wolken, als er von Charlus einen melancholischen Brief bekam.

Das Automobil lässt Entfernungen schrumpfen. Ich finde das schade, denn ich bange um die Langsamkeit, das Innehalten, das Gehen. Die Seele wird nicht mehr Schritt halten können mit den technischen Neuerungen.

Marcel hat den mut Madame Verdurin auszuladen.

Proust lesen Tag 134-Sodom und Gomorrha- Verdurins-Abreise

Kiel: Es gab hier eine Übernachtungsparty für den männlichen Teenie. Zwei Uhr morgens schwor ich mir: Nie wieder!

Todmüde aufgewacht, ich hatte vom Salon der Verdurins geträumt, der sich in einen Hamburger Stadtbezirk befand. Als Eintrittskarte sollte ich eine Lilie pflücken, ich fand aber keine.

Proust gelesen.

Die weiblichen Jugendlichen kreieren seit Tagen im Backwahn eine Game of Throne Dracheneitorte. Die Küche ist im Dauerbelagerungszustand.

Mein Zuhause wird belagert, ich bräuchte eine Blockhütte im Garten. Nachmittags am Strand, Packeis gegessen, den Hunden beim spielen zugesehen. Ich finde es könnte jetzt mal richtig Herbst werden. Die Gewitterschwimmerin ausgelesen, starker Tobak, heftige Geschichte. Bis zuletzt frage ich mich, warum die Romanheldin ihre Eltern nicht konfrontierte.

Proust: Es ist kurz vor der Abreise. Madame Verdurin versucht ihre Getreuen bei der Stange zu halten, Charlus trinkt Erdbeerbrause und liefert sich einen Schlagabtausch mit Madame Verdurin. Sie unterliegt, natürlich.

Noch einmal betont Madame Verdurin die Erlesenheit ihres Kreises. Sie hat ein nahezu marktschreierisches Wesen, ihr Zynismus macht sie nicht sympathischer: Facebook und Twitter wären ihr Medium gewesen.

Ein Wetterumschwung kündigt sich an, Marcel hofft er möge auch einen Umschwung in seinem Leben mit sich bringen. Der kleine Clan reist ab. Marcel fährt zurück nach Balbec.

Innenpolitik: Bayern wählt.

Proust lesen Tag 133-Sodom und Gomorrha-im Salon Verdurin

Hamburg:

Ein Buch in Schlangenlederhaut aus dem Regal genommen: „Das Flimmern des Herzens“. Mein Herz flimmert auch, als ich das Buch aus „Die Andere Bibliothek“ gegen den Gutschein einlöse, „Der Tyrann“ von Stephen Greenblatt (aufmerksam geworden durch feiner Buchstoff) muss auch mit, Anna und Karla erwählen das Finale von „Talon“. Man kann erahnen welche Lasten ich über den Tag tragen werde.

Sommerwarmer Wind, siebenundzwanzig Grad. In der Mönckebergstrasse trägt ein Mann mit spiegelblanker Glatze und einem irren Blick ein mannshohes Holzkreuz mit Tesa umklebt . Er warnt lamentierend und drohend vor der Hölle. Reden kann er, das muss man ihm lassen, theatralische Gesten kann er auch. Jemand pflichtet ihm bei, als er sagt im Grunde sei der Mensch böse.  Jasinna ist auch wieder da. Er steht auf seiner kiste, der Regenschirm dient ihm heute als Sonnenschutz. Er bekennt sich zu Jesus durch die Aufschrift seines T-Shirts, Schweigen und Bewegungslosigkeit. So stand er bereits das ganze Jahr, bei Schnee, Regen, Sturm, Hitze. Die Faluner machen eine Gymnastik zwischen Yoga und Eurythmie, eine Flötistin spiel die Habanera und ein Romachor zieht Publikum an.Ein Pianist spielt, eine Cellistin auch und daneben wird für Meinungsfreiheit im Iran demonstriert.

Es ist Zeit die U -Bahn nach B. zu nehmen. Sie  ist nahezu leer. In B. selbst verschlägt es höchstens Männer mit langen Kleidern auf die Straße, eine Frau mit der Stimme von Tom Waits bittet mich vom Balkon herunter, doch bitte den Haargummi aufzuheben, ein etwas gewichtigeres Kind kommt die Treppe heruntergelaufen um den rosa Haargummi entgegenzunehmen. Sonst ist Stille, nur der Wind treibt das Laub raschelnd vor sich her.

Auf der Rückfahrt in  „Flimmern des Herzens“gelesen, das mit den Ratten hätte ich lieber nicht gewusst. Spannend den Schreibprozess Prousts so mitverfolgen zu können.

Proust: im Zug Kiel-Hamburg am Morgen gelesen.

Marcel liebt grüne Glanzseide und hat Brichot geschluckt. Er ist der Einzige außer Charlus dem man gern zuhört, finde ich. Der Rest verliert sich in Zynismus, Snobismus und Dazugehörenwollen.

Charlus zeigt sich gerade im Understatement, er spricht nicht von seinen Talenten, als einer der es wirklich drauf hat. Da kann Morel nicht mithalten. Wie schön dass jeder Meyerbeer für Debussy hält und sich in Ahs und Ohs ergötzt.  Den Ausführungen Proust über Homosexualität und Kunst vermag ich nicht zu folgen. 

Cambremers führen sich noch immer snobistisch auf, sie stürzt sich auf ein Heft von Scarlatti, Charlus erzählt von seinem Schutzpatron Sankt Michael, später wird Karten gespielt, Cottard klopft launige Sprüche, während, ich glaube es ist Cambremer, herausfindet dass Cottard der berühmte Professor Cottard ist.

Dann ist das Ziel erreicht, wir fahren im Hauptbahnhof ein. Wir wollen zum Buchladen, ein Buch in Schlangenlederhaut aus dem Regal befreien, später in einen Stadtteil der angeblich aus allen Zahlen gekippt ist, schauen ob es wirklich so ist. Ein warmer Wind weht. Es sind 27 Grad im Oktober.

 

 

Proust lesen Tag 132-Sodom und Gomorrha-Im Salon der Verdurins-Charlus in Kiel

Kiel: Nachts. Der Gatte kehrt von der Vernissage zurück. „Unten wurde eine Rede gehalten, die war richtig gut, witzig, intelligent mit Verve. Der Pianist hat beschwingt Jazz gespielt. Ich war zu spät ,wollte nicht stören. also bin ich zwei Stockwerke höher, das ist ja so verwinkelt da und habe mir die Bilder der Künstlerin angesehen. Ich kenn mich mit Malerei nicht so aus, aber ich mochte die Idee dahinter. Das Buffet war auch dort. Rede beendet, alle stürmen zum Buffet, niemand schaut sich die Bilder an. Ich habe ja Verständnis dafür, die meisten Besucher waren sicherlich Künstler und können demzufolge in der Regel von ihrem Einkommen nicht leben, aber das man den Eindruck hat, das das Buffet der alles dominierende Part war….Und natürlich erschien es wichtig gut auszusehen während man in der Schlange anstand um Essen zu ergattern. Das war Proust pur, sagte der Gatte kopfschüttelnd, jedenfalls so wie du darüber erzählst: Sehen und gesehen werden.“

Der Gatte beschwert, sich, ich hätte in diesem Beitrag die Atmosphäre nicht eingefangen. Naja sage ich: du hast mir auch nicht so viel erzählt. Was hat dich denn zu dem Eindruck veranlasst, das sehen und Gesehen werden wichtig waren? Wie war die Körperhaltung?, die Art zu sprechen?, was hatten sie an? War dunkel sagt der Gatte. Ach Gatte?“ Du hast übrigens auch nichts zu den Bildern gesagt.

Aber ich hab sie mir angesehen, die hatten was, aber wiegesagt ich kenn mich nicht aus….

Ich hatte heute unvermutet frei, kam aber nicht in den luxuriösen Umstand die Sonne zu genießen, sondern unterzog das Haus einer Grundreinigung während ich Proust hörte. Das Hörspiel war eine gute Idee, denn oft ist es so, dass ich merke dass ich beim ersten Lesen etwas falsch verstanden habe oder zu flüchtig war.

Das Haus ist wieder von Teenies belagert, Lukas kam von einer Fahrradtour aus Kreta wieder, Maria und Janne hatten Kroatien unsicher gemacht. Jetzt verfallen Maria und Anna in gewohnter Manier dem Backwahn, ist Karla mit Janne zum Pferd gefahren, genießt Julius die Dämmerung auf der Dachterasse.

Proust:  Gespräch über Elstir, der dem Salon der Verdurins den Rücken kehrte, nachdem es Madame Verdurin nicht gelang ihn mit seiner neuen Flamme auseinanderzubringen. „Ja damals, als er bei mir einkehrte hatte er noch Talent. Intelligent sei Elstir ohnehin nie gewesen. Seinen Impressionismus nennt sie „hektisch gewordenes achtzehntes Jahrhundert.“

Göttliches Gespräch zwischen Monsieur Verdurin und Charlus, es geht ums dazugehören. “ Dazugehören versteht Charlus als Anspielung auf seine Homosexualität und ist nach den flammenden Blicken von Cottard nun langsam am Ende seiner Kräfte.

Ein Missverständnis. 

Cambremers regen sich noch immer über das  in ihren Augen nicht mit Stil eingerichtete Anwesen auf. „Und sie haben Tüllstores! Welch ein Stilbruch! Aber was wollen Sie, die Leute wissen es nicht besser, wo sollen sie es auch gelernt haben? Wahrscheinlich sind sie reiche Geschäftsleute, die sich zur Ruhe gesetzt haben. Für ihre Verhältnisse ist es gar nicht so schlecht.“

Drei Adjektive Regel: Wir fühlen uns glücklich-geehrt-ganz davon angetan.

Charlus bei Kaiser Wilhelm in Kiel:

 Charlus verteidigt gegenüber Cambremer den Titel seine Hoheit und bezieht sich dabei auf Kaiser Wilhelm der ihn in Kiel die ganze Zeit mit Monseigneur anredete. Der Kaiser sei hochintelligent, verstünde aber leider nichts von Malerei, denn er hätte alle Elstirs aus den nationalen Museen entfernen lassen. Er lobt die Hochrüstung Wilhelms, hält ihn als Mensch aber für nichts wert. „…er hat seine besten Freunde verlassen, verkauft, verleugnet-leitet über zur Eulenburg Affäre (muss ich noch nachschlagen).

Proust lesen Tag 131-Sodom und Gomorrha- Diner bei den Verdurins-Erinnerung

Kiel: In der morgendlichen Dämmerung bei künstlichen Licht, an einem viel zu kleinem Tisch auf einem viel zu kleinen Stuhl, Stifte angespitzt. Stift einspannen, kurbeln…..

Juli 89:  Buadapest-Passau im ächzenden hellblauen Trabbi. „Wir werden Stifte anspitzen….“ hatte S. der am Steuer saß halb belustigt, halb besorgt, hingeworfen. Er mimte den dienstfertigen Lakaien, vielfach buckelnd, demütig säuselnd: „Chef, wenn ich dürfte….stets zu Diensten.“

Du hast Recht gehabt S., wenn du wüsstest, ich sitz hier und spitze Stifte an und es gibt just in diesem Moment nichts was ich lieber täte. Denn noch bin ich allein, der Tag noch müde und in wenigen Minuten wird eine Meute von Kindern Leben auf das Papier bringen.

Was für ein goldener Oktobertag!

Proust: Madame Verdurin ist ein intrigantes, missgünstiges, dominantes Frauenzimmer. Sie scheint sich allein dann wohlzufühlen, wenn es ihr möglich ist sich herablassend und süffisant zu geben.  Ein Marquis ist ihr nichts wert, auch dann nicht wenn er ihr Vermieter ist. Niemand ist ihr etwas wert.

Marquis Cambremer  erwähnt, sein Jagdgebiet in dem Wald von Chantepie zu haben. „Der Wald in dem die Elstern schwatzen“ Brichot wendet sich weiter den Etymologien zu, die beherrschend sind in den letzten vierzig Seiten.

Madame de Cambremer: gibt sich kultiviert und gebildet. „…doch wie gewisse zur Fettleibigkeit neigende Personen kaum etwas essen, sich den ganzen Tag bewegen und doch zusehends immer dicker werden, mochte Madame de Cambremer sich noch so sehr, besonders in Feterne, in eine immer noch esoterischere Philosophie und immer schwierigere Musik vertiefen….“  es bleibt alles beim alten. 

Cottard erkundigt sich nach Marcels Erstickungsanfällen, die von Monsieur Cambremer amüsant gefunden werden.

Kundschaft von Heirat Saint Loups, Marcel weiß von nichts. 

Madame de Cambremer bewundert Charlus für seine Verve, durchstreift ihr Mietobjekt währenddessen mit abschätzigen Blicken, kurze Zeit später ist Saniette mal wieder Opfer übler Mobbingattacken.

Man fragt sich am Ende der zwanzig Seiten: warum tut sich jeder einzelne Gast des Mittwochabends das an?!

Proust lesen Tag 130-Sodom und Gomorrha- Auftakt bei den Verdurins-Charlus und Morel

Proust:

Morel wirkt schüchtern wie ein Schuljunge der zum ersten Mal ein Bordell besucht. Baron Charlus hingegen tänzelt herein mit etwas watschelnden Gang, …so kam er flatternd, geziert und ganz als ob das Wallen von Röcken seine gewundenen Bewegungen umflute und behindere, mit einer so geschmeichelten und hochgeehrten Miene auf Madame Verdurin zugetänzelt…“

Während Charlus unter jeder Maske noch eine andere tragend, mir immer sympathischer wird, er ist exzentrisch, sensibel, intelligent und einfach schräg in die Welt geschraubt, gibt sich Morel als billiger Emporkömmling.

Auf Charlus folgen die Cambremers, was Cottard völlig aus dem Konzept bringt.

Madame Cambremer, schlecht gelaunte Vermieterin der Verdurins bekommt bessere Laune als sie Charlus sieht. Wird er sein Versprechen an Odette halten?

Charlus glaubt, dass sein Sitznachbar Cottard mit ihm flirtet. Cottards blinzelnde Blicke quellen hinter dem Kneifer hervor. Charlus reagiert gereizt, empfindet Cottard als Rivale und Spiegelbild, welches er nicht sehen will. Einfach göttlich, diese gesamten Verstrickungen.

Kiel: Sonniger, recht warmer Tag. Vereinzelt fliegen noch Wespen. Ich schlafe tief und lang, als wolle sich der Körper die verpasste Ruhe sämtlicher schlafloser Nächte zurückholen.

Proust lesen Tag 129-Sodom und Gomorrha _Ankunft in La Raspeliere

Proust: Madame Verdurin erhält Nachricht darüber, dass ihr Pianist Dechambre, der die Mittwochabende seit 25 Jahren begleitet hat, gestorben ist. Für Madame Verdurin zählen nur die Lebenden und so entschuldigt ihr Gatte diese Fühllosigkeit mit übergroßer Trauer.

Der kleine Clan wird von Kutschen am Bahnhof abgeholt.  „Begrünte Hügelkuppen senkten sich hinab bis ans Meer, in breiten Weidegründen, denen die Sättigung durch Feuchtigkeit und Salz eine samtige Dichte und lebhaft kontrastierende Töne verlieh. „“Inselchen“ und zerrissene buchten, Sommerhäuser die fast fast alle von Malern gemietet waren, frei umherlaufende Kühe-Idylle pur.

In Raspeliere stehen Verdurins im Smoking zum Empfang bereit, nur Marcel trägt ein Jackett, es ist ihm unangenehm,

Eine weitere Nachricht erreicht die Verdurins: Morel wird kommen, „muss „aber seinen alten Onkel Charlus mitbringen, was zu allerhand Irritation führt. Man scheint Charlus hier wenig zu schätzen. 

Kiel: Laue Oktoberluft, eher ein Rest von Altweibersommer. Der Himmel brennt morgens und abends in  Hellblau und Pink. Die kinder rutschen im Wald Hügel herunter oder kullern sich um ihre eigene Achse drehend, Abhänge hinab.

Zuhause sortierte ich GuK Karten indem ich sie über den ganzen Boden verteilte. „Ah Gebärdensprache“, sagte Julius und Karla fragte, ob denn die Kinder bei uns auch lesen lernen. Sie hatte richtig geschlussfolgert, denn zu jeder Gebärde gab es auch das geschriebene Wort.

Am Weg beim Reitstall, hat sich eine Horde Buchfinken niedergelassen

Ich gehe früh zu Bett um mit den Kräften zu haushalten. Vom Sommer zum Winter muss es ohne Urlaub gehen.

Proust lesen Tag 128-Sodom und Gomorrha-auf dem Weg zu den Verdurins

Proust: Wie lange braucht die Fahrt von Balbec nach La Raspeliere? Wo übernachtet man? Weder bekommt man eine Beschreibung der Inneneinrichtuung des Zuges, selten werden andere Fahrgäste (die nicht dem kleinen Clan angehören) beschrieben, abgesehen von der jungen, rauchenden Dame, von der Marcel so fasziniert war.

Er fürchtet diese nie wieder zu sehen. Albertine versucht ihn zu beruhigen, man träfe sich immer zwei Mal im Leben.  „In diesem besonderen Falle täuschte sie sich; ich habe das schöne junge Mädchen mit der Zigarette niemals wieder getroffen oder erfahren, wer sie eigentlich war.“

„Oft noch, wenn ich an sie denke, fühle ich mich von irrem Verlangen erfaßt. Aber die Wiederkehr solcher Wünsche legt freilich die Überlegung nahe, daß man, um solche Mädchen mit dem gleichen Vergnügen wiederzusehen, auch zu dem Jahr zurückkehren müßte, auf das seither zehn andere gefolgt sind, und daß während dieser Zeit das junge Mädchen seine Frische sicherlich eingebüßt hat. Man kann zuweilen ein Wesen wiederfinden, doch nicht die Zeit auslöschen.“

„Doch man spürt, daß das Unterfangen zu groß ist für die geringen Kräfte, die man noch besitzt. Die ewige Ruhe hat schon Intervalle eingelegt, in denen man weder auszugehen noch zu sprechen vermag.“

Was noch geschah: Cottard erzählt, dass Madame Verdurin eine Nachricht erhielt. Ihr Lieblingsgeiger (Morel) hatte sie versetzt.  Sie vermutet, er habe den Zug verpasst. Wir wissen warum.

Cambremers tauchen als zu erwartende Gäste auf, Fürstin Scherbatow wird im Zug gesucht und gefunden und ist nicht die Puffmutter, für die man sie hielt.

Kiel: 5.00 Uhr aufgestanden und Proust gelesen. Als ich später die Tageszeitung aus dem Briefkasten holte, es war noch dunkel, traute sich die Katze erstmals ins Freie. Recht selbstbewusst und so gar nicht vorsichtig.

Während ich zur Arbeit ging, besuchte Karla eine Freundin auf dem Reiterhof, erfuhr Anna etwas über das Leben als Austauschschüler in Canada, schlief Julius lange und übernahm die Hunderunde.  Der Gatte werkelte im Garten.

Wetter: Ein fulminanter rosa, hellblauer Morgenhimmel, der trotzdem etwas geradezu merkwürdiges hatte. Krähen als schwarze krächzende Lichtpunkte. Sonniger, kühler Tag.