Abenteuerliche Nachtfahrt von Hamburg nach Kiel mit sich lösenden Radmuttern und stürmischen Böen

Der Wind peitschte den Regen gegen die Autobahnabgrenzungen, wie Gischt. Wir fuhren durch die Nacht, ins Gespräch vertieft, Hamburg lag schon eine Stunde hinter uns. Der Bus begann zu dröhnen. „Fahr mal langsamer“, sagte ich zum Gatten „Irgendwas stimmt nicht.

Das Gespräch verstummt, angestrengtes Lauschen. „Das ist ein Rad, fahr mal ran.“

Vier Radmuttern des linken Hinterrades hatten sich gelöst, die fünfte Radmutter war irgendwo auf der Autobahn verblieben. „Hast du die Reifen kürzlich gewechselt?“ Der Gatte schüttelt den Kopf. „Nein“. Das unangenehme Gefühl, das einen beschleicht, wenn man bei 120 km/h feststellt, das das Gefährt nicht hält.

I

 

Abbruch des Proustprojekts/Auf der Suche nach….

Ich werde das Proustprojekt abbrechen, vielleicht versuche ich es im neuen Jahr noch einmal. Albertine bleibt mir verschlossen. Vielleicht sollte ich besser sagen, ich werde pausieren bis mein Pendeln nach Hamburg ein Ende hat. Das sollte im Februar sein, aber so genau kann das niemand sagen. Danke an Gerda, Bert,p

Karin, Wildgans, Arno von Rosen, Frau Hemingistunterwegs, menuchaprojekt für die rege Anteilnahme und Reisebegleitung! Ich habe es schon oft geschrieben, ohne euch wäre es nicht denkbar gewesen.

(Versuch über….(Schreiben, Duras)

-In unserem Haus ist man nie allein. Im Garten sind Eichelhäher, Finken und Katzen. Innerhalb des Hauses sind unsere drei Kinder, selten der Gatte, meist zwei Hunde und zwei Katzen und ich. Im Haus ist es oft so lebhaft, daß man daran irre werden könnte. Was ich sagen kann , ist daß die Lebhaftigkeit in diesem Haus (es hat noch keinen Namen) gewollt worden ist. Für mich, für uns. Und das ich in diesem Haus nahezu nie allein bin. Deshalb gehe ich auf keine Geburtstagsfeier, meide Gartenpartys wie der Teufel das Weihwasser.-

Ich habe ein Bild gefunden von der Duras. Sie ist in ihrem Appartment in Trouville.

Hier kurz der Bezug aus dem Buch das Yann Andrea über die Duras schrieb, es ist sein erster Besuch bei ihr, er wird 16 Jahre bleiben.

“ Sie sagt zu mir, schauen Sie, es ist sehr schön, und es gibt zwei Bäder, ein unerhörter Luxus, Proust kam mit seiner Großmutter hierher, bevor sie im Grand Hotel von Cabourg absteigen, er mietet sich auf der Seeseite ein.“(aus: Diese Liebe von Yann Andrea). Eine Festung der Einsamkeit. –

dav

Wir saßen im Regionalzug, Karla und ich. Sie in Harry Potter versunken und ich völlig hypnotisiert von den Worten der Duras über das Schreiben. Der Zug war übervoll, es war schon Abend, Nieselregen der an Zugfensterscheiben herunterlief. Ich verkroch mich immer tiefer in meinem Kaschmirschal, das einzige gute Stück Kleidung dass ich besitze. Der letzte war mir in der Kaffeerösterei abhanden gekommen, als ich mir einen Kaffee holte. Ich habe ihn nachgekauft. Es gelingt mir selten Einsamkeit herzustellen, manchmal in der Kantine wenn ich Stunden dort zubringe, manchmal im Haus einer Freundin wenn sie auf Reisen ist. Ohne die Einsamkeit geht mir die Luft aus. Ich versank in den Liebkosungen über das Haus am Meer. In den Preisungen der Einsamkeit und dem Trost des Schreibens. Und der Wunsch einmal wochenlang abzutauchen, irgendwohin in eine Blockhütte oder ein Haus am Meer, vielleicht würden auch ein paar Tage reichen.

Proust muss warten. Marquerite Duras hat Proust spät gelesen, danach begann sie zu schreiben.

Proust lesen-Die Gefangene-Albertine-Erlösungssehnsucht

Gestern mir das Buch “ Die Sünde der Frau“ von Connie Palmen geholt.

Die Biografien von Marilyn Monroe, Patricia Highsmith, Marguerite Duras im Schatten der abweisenden, psychisch kranken Mutter. Das Drama des abgeschobenen , nicht gewollten Kindes, das sich in einer neuen rolle selbst erschafft, die Narbe der Kindheit ist Stärke in Form von Kreativität, eines unter die Oberfläche Dringens und Fluch zugleich. Der Fluch der nicht gefühlten Existenzberechtigung und der daraus folgenden medikamentösen Betäubung durch Alkohol. Allen gemeinsam ist die Erlösungssehnsucht, die Suche nach Symbiose mit gleichzeitiger Vermeidung von Nähe. Ein grandioses Buch.

Proust: Immer wieder ist es die Narbe die aufbricht, der nicht gegebene gute Nacht Kuss der Mutter, der Herausfall aus der Symbiose, durch sich selbst nicht lebensfähig sein. Albertine die eigentlich Frauen liebt, sich aber in diese vereinnahmende Beziehung begeben hat, lebt das Drama des abgeschobenen und unzureichend geliebten Kindes auf ihre Weise.

Proust lesen- Die Gefangene-wir leben nur mit dem was wir nicht lieben

Nieselregen, Nebelschwaden, Lieblingswetter. Jetzt kehrt Stille ein im Haus. Ich kehre zu Albertine zurück und bleibe gleich beim ersten Satz hängen.

„Wir leben nur mit dem, was wir nicht lieben, was wir einzig in unsere Nähe gezogen haben, um die unerträgliche Liebe zu töten, ob es sich nun um eine Frau, ein Land oder auch um eine Frau handelt, die ein Land miteinschließt. Wir hätten sogar große Angst, die Liebe könne noch einmal beginnen, wenn es von neuem zu einer Abwesenheit käme.“

Ich stimme nicht überein. Das Verliebtsein hört auf, das Fahrwasser der Liebe ist ruhiger. Zum Glück, wer will schon ständig dieses sich verlieren, das Auf und Ab.

Nein ich stimme nicht überein.

 

Proust lesen-Die Gefangene-Eifersucht und Tabuthema Alkohol?

Es ist kalt geworden. Der Gatte feuert den Ofen an. Der Morgen beginnt fulminant mit einem in Rauchschwaden gehüllten Haus, fliehenden Katzen und irritierten Teenagern. „Wer macht denn hier Lagerfeuer?“Ich bin früh aufgewacht, noch vor dem Rauch, hab in Begleitlektüre zu Proust geblättert, ein paar Seiten Proust pur gefrühstückt, dazu warmer Cappucino und Käsetoast.

Gestern das Buch „Die Klarheit“ von Leslie Jamison ausgelesen. Bisher das Beste was ich 2018 gelesen habe. Alkohol ist Alltagsdroge Nummer eins, nicht nur in Amerika sondern insbesondere auch in Deutschland. Jamison stellt die Frage ob und inwieweit das Schreiben ohne bewusstseinsveränderende Substanzen möglich ist. Sie vollzieht damit eine Reise durch die Literaturgeschichte. In diesem Strom, habe ich mir auch „Das verlorene Wochenende von Jackson  einverleibt und Tim Kruses“ Weder geschüttelt noch gerührt“. Kieler Autoren sind natürlich Pflichtlektüre und das Buch ist auch, abgesehen vom Lokalkolorit eine bereichernde Lektüre.

Der Gatte sagt, ich solle den Satz mit dem Feierabendwein am Freitag lieber wieder rausnehmen, man wüsste ja nicht wer den Blog liest. Hab ich dann auch, jetzt mach ich es wieder rückgängig, denn es handelt sich nicht um Komasaufen sondern um zwei Gläser Wein am Abend am Wochenende. Trotzdem hab ich den Konsum jetzt gänzlich eingestellt, allein um mir zu beweisen, dass ich auch in meinem Alter in der Lage bin Gewohnheiten zu verändern, außerdem ist es auch als Vorbildwirkung für die Teenager gedacht.  Deutschland hat ein Alkoholproblem, Die Alkohollobby freut sich, wenn sich die auf Effektivität getrimmte Gesellschaft betäubt.

Proust:

Zurück zu Albertine. Eifersucht als Motivation sich ein anderes Ich anzueignen, Ein Ich  dass sich  unter völlig  anderen Bedingungen, mit anderen Menschen, anderen biografischen Einschnitten gebildet hat, einer Vergangenheit von der wir ausgeschlossen bleiben. Wir können die Orte erkunden, bis ins Detail kennenlernen, wir können auf der Spur der oder des Geliebten wandeln, die Entschlüsselung wird immer unvollständig bleiben. Um so mehr man den Anderen erkundet, um so mehr wird das Geheimnis aufgelöst, verliert sich der Schleier des Besonderen. Ich bin der Meinung, das das besondere der Täuschung sich irgendwann verliert und dem Menschen Platz macht, den wir nun mit mehr oder weniger klarem Blick begegnen. Diesen Schritt macht Marcel bisher nicht. Die Täuschung der Verliebtheit setzt unweigerlich irgendwann ein, aber den Schritt zur Liebe geht er nicht.

Marcel tritt am frühen Morgen auf den Balkon um sich am morgendlichen Pariser Leben zu erfreuen, die Wäscherinnen, die Bäckerinnen, die Kinder mit ihren Müttern. Er erfreut sich nicht an Albertine, die für ihn nur dann interessant wird, wenn sie die Leidenschaft andere weckt.

Karla freut sich über das warme Brot am Morgen. Das Wochenende hat begonnen.

Beckett über Albertine

„Ich wußte, daß ich diese junge Radfahrerin nicht besitzen würde, wenn ich nicht das besäße, was in ihren Augen lag. „Proust

„Sein Leben mit Albertine, das nicht einen einzigen positiven Vorteil enthält, ist nichts weiter als eine Beschwichtigung, das Zeichen eines Monopols. Und nicht immer eine Beruhigung, denn das Geheimnis Albertines besteht weiter, das Geheimnis, das er in ihren Augen gespürt hatte, als sie sich zum ersten Mal am Meer in Balbec begegnet waren, das Geheimnis, das ihn damals bezaubert hatte und das auszulöschen er sich jetzt sehnt, da es die Brüchigkeit seiner Herrschaft über sie bedeutet.“ Beckett

Über das Lesen-Albertines Geheimnis

„Mist“, sagt Anna, als wir aus dem Kino ins Freie treten. Eigentlich müsste man die Harry Potter Bücher , mit dem Wissen von dem  was man jetzt hat, noch einmal lesen.“ Wir haben „Grindelwalds Verbrechen“ gesehen.

Im Moment lese ich Beckett . Das Geheimnis welches Marcel damals am Strand von Balbec im Anlitz Albertines anzog, will er jetzt auslöschen. Eifersucht, Überwachung, Misstrauen, Zweifel. Irgendwie ist beim Lesen klar, dass Albertine das nicht überleben wird. Dann lese ich von Tansania und Hetzjagden auf Homosexuelle.

Marcel ist Gefangener seiner selbst

„Es gibt kein Entrinnen vor den Stunden und den Tagen. Weder vor dem Morgen noch vor dem Gestern, weil das Gestern uns deformiert hat oder durch uns deformiert worden ist. Der Modus ist unwichtig. Deformation hat stattgefunden. Gestern ist nicht ein Meilenstein, an dem man vorübergegangen ist, sondern ein Tagstein auf der ausgetretenen Spur der Jahre und unabänderlich ein Teil von uns, in uns, schwer und gefährlich. Wir sind nicht nur müder wegen gestern, wir sind anders, nicht mehr, was wir waren vor dem Verhängnis des Gestern… Die Bestrebungen von gestern waren gültig für das gestrige Ich, nicht für das heutige. “

Aus:Proust, Essay von Samuel Beckett

Proust lesen Tag 139-Sodom und Gomorrha/Die Gefangene-Albertine und ihre Freundinnen

Kiel: Unterdessen ist Herbst geworden. Man kleidet sich in Übergangs oder Winterjacken, kratzt morgens das Eis vom Auto und zündet Kerzen an.

Es ist alles wie immer, die Eichelhäher krächzen, die Eichhörnchen sammeln, die Blätter trudeln langsam herunter.

Terezia Mora hat den Büchner Preis bekommen und sagt der Fisch stinke vom Kopf her. Ich wüsste gern etwas detaillierter worauf sie hinaus will. Sie ist eine meiner Lieblingschriftstellerinnen. Da sie auch Esterhazy erwähnt, lese ich in sein Bauchspeicheldrüsenbuch rein und google mir auf google street view die dazugehörigen Straßen. ESterhazy stehe im Verdacht linksliberal zu sein, schreibt sie und das es in Ungarn eine Tendenz gäbe, alles intellektuelle verdächtig zu finden (überspitzt von mir wiedergegeben). Ich hoffe, dass das Lesen selbst nicht irgendwann verdächtig wird.

Proust: Abreise aus Balbec. Marcel der sich eben noch von Albertine trennen wollte, ist zutiefst besorgt als er hört, dass sie mit der Vinteuil Tochter zu tun hat. Der Verdacht, dass Albertine lesbische Beziehungen unterhält, verhärtet sich. Dieses führt nicht dazu, dass Marcel sich trennt. Er verfällt in das Gegenteil. Albertine wird in Paris zunehmend überwacht. Marcels Misstrauen bringt das Feuer nicht zum Erlöschen sondern entzündet es.

Beide spielen ein Spiel mit doppelten Boden. Marcel gibt vor in eine andere Frau verliebt zu sein, Albertine schweigt über ihre Freundinnen. Seltsame Liebe

Politik: Angela Merkel tritt vom Parteivorsitz zurück.

In Brasilien wurde Bolsonaro zum Präsidenten gewählt.