Leseindruck „Lichter als der Tag von Mirko Bonne

Ein Mann Ende vierzig, redaktioneller Mitarbeiter beim „Tag“, ansässig im Hamburg, gerät in eine Krise.

Das Buch war ein Zufallsfund. Ich hatte weder Rezensionen gelesen, noch den Klappentext. Es ist selten, dass ich Bücher so unbesehen mitnehme.

Das erste was erfreute, war der literarische Spaziergang an den Landungsbrücken, hin zum Michel, der Hafencity und dem Hauptbahnhof. Am Hauptbahnhof sieht Raimund seine Jugendliebe wieder. Sie sprechen nicht miteinander, aber er beginnt ihren Weg zu verfolgen. Man könnte es Stalking nennen, Bonne misst diesem psychischen Abgrund wenig Bedeutung zu, wird aber situationskomisch als er seinen Protagonisten im Traum Ohlsdorf brüllen lässt.  Der Roman hat von Anfang an etwas magisches oder konstruiertes, je nachdem wie man es benennen will. Bonne nimmt die Midlifecrisis exakt auseinander, beschreibt Erstarrung, Interesselosigkeit, Ausharren, Unbeweglichkeit und das Leben wie es ist, wenn man sich abfindet. Darin liegt die große Stärke des Romans. Man wünscht der Geschichte einen Bewusstseinsprozess, der in der Lage ist Fäden zu finden und aufzugreifen. Leider setzt Bonne dem eine fulminante Flucht entgegen. Schade, denn am Ende scheint nichts gelöst, vieles konstruiert und der Roman versandet wie ein nicht ergriffenes Leben. Lesenswert ist der Roman trotzdem. Den nächsten Bonne werde ich bewusst aus dem Bücherregal nehmen.

Nach dem Aufwachen die Biographie von Virginia Woolf zur Hand genommen.

„Verallgemeinerungen, starre Einstellungen, summarische Urteile sind tödlich. Eine gute Biographie ist die Aufzeichnung dessen, was sich ändert, nicht dessen, was geschieht. Allmählich, unmerklich werden wir andere. Denn ein Ich, das sich ständig ändert, ist ein Ich, das weiterlebt.

„Es mag zutreffen, dass Freunde zum Teil gewählt werden, um ein Leben zu leben, das wir in unserer eigenen Person nicht leben können.“

Hermione Lee/ Virginia Woolf /Ein Leben

 

Wenn der Wind weht-Tagebuchbloggen am 5.-zwischen Rilke und Marianne Faithfull

Bei Frau Brüllen ist wieder Tagebuchbloggen und ich bin mit dabei.

Schon wieder diesen Traum geträumt, der in Variationen immer wiederkehrt. Nach dem Aufwachen schlage ich Rilke auf: Briefe an einen jungen Dichter. Rilke lese ich selten, aber heute ist es das richtige Buch zur richtigen Zeit.

Draußen kommt Wind auf, Böen. Sie rütteln an den alten Apfelbäumen und fahren dem Rhododendron durch die Blätter. Am frühen Nachmittag kommen die Teenies nach Hause, essen Mittag, übernehmen die Hunderunde. Ich räume hier und dort etwas weg. Und der Wind draußen schlägt Purzelbäume.

Marianne Faithfull den ganzen Tag im Kopf.

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Julius kommt spät von der Saxophonstunde. Cello übt er später. Ich muss dem Kindergartennikolaus noch einen Text für jedes Kind schreiben. Anna flucht weil sie nicht mehr kochen darf. Aber es steht noch Essen auf dem Herd und ich will die Küche nicht bis 22 Uhr belagert wissen.

Der Wind streift ums Haus unruhig und heimatlos.