Botox

Zu uns ins Abteil steigen drei junge Frauen.  Ihr Alter lässt sich schlecht schätzen. Höchstens achtzehn können sie sein. Sie sind stark geschminkt, haben falsche Wimpern, sind solariumgebräunt.

„Ich hab mir heut Botox  spritzen lassen.“

„Echt jetzt, wieso das denn?“

„Wegen der Augenringe. Ist voll Scheisse, darf man eine Woche keinen Sport machen und nicht ins Solarium und so.“

Die junge Frau ist schön, immer noch, trotz Botoxmaske, falschen Wimpern und Solariumbräune.

„Was issnt du da“, fragt sie Karla, „ist das Fleisch?“

„Nee“ sagt Karla, „ich bin Vegetarier. „Ach süss“, sagt sie.  „Voll süss“ und scheint das ernst zu meinen.

Um das Botoxmädchen liegt eine tiefe Trostlosigkeit. Sie ist jung und zugleich alt. Als hätte sie schon alles vom Leben gesehen.

Die Traurigkeit dringt durch alle Poren, auch durchs Botox . Versonnen betrachtet sie Karla, die fröhlich über ihren Französischlehrer plaudert.

„Ich bin nie gern zur Schule gegangen.“ Das Botoxmädchen wendet sich ihrer Freundin zu.  Sie spricht jetzt vermutlich kroatisch.  Später wechselt sie zwischen beiden Sprachen hin und her. „Nur wegen der Leute war ich da. “ Ihr Stimmklang tief, mit langsamer Schwere. „Was hörstn du da?“, fragt sie die Freundin. Wieder deine Disneymusik? König der Löwen?“

„Hab du erst mal ne richtige Beziehung. Drei Jahre war ich mit dem zusammen.“ Dann steigen sie aus, wollen shoppen in Hamburg. Ich versuche zusammenzubekommen, was ich nicht zusammenbekomme. Jugendliche Schönheit versetzt mit Botox, das Gefühl tiefer Hoffnungslosigkeit und die Sehnsucht danach, dass vielleicht doch noch alles passieren kann was man sich erwünscht, untermalt mit Disneymusik.

Nachtrag:

Die jungen Frauen machten auf mich den Eindruck als hätten sie nie die Chance bekommen an sich glauben zu können. Bescheidene Startbedingungen, chancenlos, traumlos, da ist die kurze Blüte alles was bleibt. Ich war nah dran ihnen unsere Musical Karten zu überlassen. „Alles was wir wollen kann passieren.“

Es war eine zutiefst traurige Sequenz aus einem anderen Leben.

10 Antworten auf „Botox

    1. Schönes Gedicht. Die jungen Frauen machten auf mich den Eindruck als hätten sie nie die Chance bekommen an sich glauben zu können. Bescheidene Startbedingungen, chancenlos, traumlos, das ist die kurze Blüte alles was bleibt. Ich war nah dran ihnen unsere Karten zu überlassen…..Es war eine zutiefst traurige Sequenz aus einem anderen Leben

    2. Danke für deinen Kommentar. Er hat mir bewusst gemacht, dass es mir nicht gelungen ist den entscheidenden Aspekt herauszuarbeiten. Diese Trostlosigkeit, deshalb habe ich dem Beitrag nachträglich noch Informationen hinzugefügt. Was nicht so besonders tolll ist, weil die Kommentare und der Beitrag dann nicht mehr übereinstimmen.

      Ich versuche das das nächste Mal anders zu lösen…Liebe Grüße Xeniana

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