Wochenheim/KindheitserinnerungDDR

 

Eine Erinnerung geträumt:

Man lebt mit solchen Sätzen: Was uns nicht umbringt macht uns stark. Es wäre einfacher gewesen, der Schmerz hätte sich nicht wieder eingestellt, aber genau das tat er in diesem Jahr. Das innere Kind zog und zerrte an mir und trat mir in unregelmässigen Abständen ans Schienenbein. „Verpiss dich“, sagte ich. Du bist jetzt erwachsen. Shut up. Es gab keine Ruhe, es will gehört werden.

Ein sonniger Tag mit Mutti und Vati. Sie verstehen sich gut, so gut wie schon lange nicht mehr. Ruderboot, Sonne satt, angenehme Atmosphäre und ein mulmiges Gefühl. Ich bin fünf. Wir steigen irgendwann aus dem Boot aus, gehen zu einem fünfstöckigen Plattenbau.  In meiner Erinnerung gab es keine Vorwarnung. Eine Erzieherin in der Tür, Gepäck wird überreicht. Ich winke.  Meine Mutter studiert, sie studiert in Berlin irgendwas mit Pädagogik. Meine Eltern sind getrennt, Vati mit der Erziehung überfordert. „Ja ich hab vergessen dich vom Kindergarten abzuholen, ja mehrmals. „So ginge das nicht, entscheidet die Mutter, zwar könne sie mich mit nach Berlin nehmen, aber ihr wäre das zu viel. Sie schaffe das Lernpensum so nicht. Es gibt Wochenheime, der Staat sorgt für seine Bürger.

Da stehe ich, ohne Vorwarnung, auf einer Treppe die nach oben führt. Sie führt in einen Saal mit 20 kleinen Gitterbetten. Meins wird mir gezeigt. Ich schweige. Verloren im irgendwo, nicht gewollt.  Es war nur ein Jahr, ein langes Jahr, ein folgenreiches Jahr.

Es war kein schlechtes Wochenheim, man war auch nicht stigmatisiert, relativ viele Familien nutzten diese Möglichkeit in der ehemaligen DDR für sich.  Die Gruppe war nett, die Erzieher auch, aber der Schmerz 20 Meter von meinem eigentlichen Zuhause fremduntergebracht zu sein, ohne in meinem eigenen Bett schlafen zu können, war erheblich. Das Urvertrauen gestört.

Ich hatte Glück im Unglück, eine Erzieherin die sich meiner annahm, mehr Mutter als Erzieherin war. Das Verbloggen ist Versuch, eine eigene Erfahrung zu relativieren, ins Allgemeine zu übersetzen, hinzusehen so lange es notwendig ist, die Perspektive zu wechseln. Es wurde dann ja noch alles gut.

Leider verursacht der stete Ausbau der Öffnungszeiten in den Kitas bei mir nicht unbedingt Euphorie. Ich bin skeptisch, wohlwissend das es Arbeitswelten gibt, die genau diese Bedingungen benötigen.

9 Antworten auf „Wochenheim/KindheitserinnerungDDR

    1. Dann kennst du das ja aus nächster Nähe. Wie sieht deine mutter denn so ein Kindsein aus professioneller Sicht? Fände ich sehr spannend einen Einblick von der anderen Seite zu bekommen.

      1. Ich kann sie nicht mehr fragen. Sie hat es mit Leib und Seele gemacht und ihr ganzes Herz in die Arbeit gesteckt. Also sie fand es schwierig, wenn Kinder die Woche über von ihren Eltern getrennt waren. Sie hat versucht den Kindern ihre volle Aufmerksamkeit und Liebe zu geben.

    1. „Waren DDR-Eltern besonders herzlos? Karsten Laudien, der als Professor an der Evangelischen Hochschule Berlin zur Geschichte und Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung forscht, ist skeptisch. Man dürfe nicht vergessen, dass die DDR gerade für Frauen ein großes Versprechen bereithielt: das Versprechen auf Mitgestaltung, berufliche Selbstbestimmung und finanzielle Unabhängigkeit. Moderne Frauen, die nicht von vornherein auf einen Platz in der Gesellschaft verzichten wollten, gingen – anders als im Westen – selbstverständlich arbeiten. Und schließlich: Auch der Blick aufs Kind habe sich gehörig verändert: Vom Objekt elterlicher Gewalt zu einem Subjekt, dessen optimale Entwicklungschancen für viele Eltern heute im Zentrum ihres Daseins stünden. Der Rest war Ideologie.“ Vielleicht auch noch mal ein spanneder Aspekt.

      Eine ältere Hand hält eine Kinderhand. (imago/CHROMORANGE)

  1. Das Thema beschäftigt mich auch schon eine ganze Weile. Ich kam mit 3 Monaten in eine Krippe, dann in die Ganztageskita, dann war ich noch 6 Wochen ganz weg von Zuhause und danach dann Schule mit Hort. Ich bin der Ansicht das mir das sehr geschadet hat, Ich hab auch gesundheitlich zu kämpfen. Ich finde es total schlimm wie der Kindergartenausbau gehypt wird und als positiv beworben wird. Das ist für mich ein vollkommeer falscher Ansatz. Im Hinblick auf unsere Freiheit, unsere Gesundheit und auch das Grundgesetzt, so vonwegen Entfaltung und freie Wahl usw. Kinder die in den ersten Jahren keine verlässlichen Bindungen vorallem mit der Mutter aufbauen können haben ein mega Defizit an vielen Stellen… wir brauchen uns über späteres Burnout, Depressionen, Beziehungsprobleme usw. gar nicht wundern. Wenn wir die Kids so früh in eine Fremdbetreuung stecken schaden wir ihnen nachhaltig.
    Das thema ist auch ein Grund warum ich mich nicht mehr gern Feministin nennen, die dieses Modell leider stark propagieren, so vonwegen Selbstverwirklichung der Frau. Was ich mich da schon Online streiten musste. Wurde da angefeindet für meine Sichtweise. Man soll auch das Wort Fremdbetreuung nicht sagen…. spätestens da wird klar das der Feminismus eine Reaktion aus das herrschende Patriarchat ist und selbst oft in den alten Mustern verharrt.
    Warum sollen Mutter und Kind so früh gestrennt werden? Warum soll eine Mutter denn gleich wieder auf den Arbeitsmarkt? Im Osten war es der Arbeitskräftemangel und der einfluss den man auf die Kinder von Anfang an haben wollte – hat ja auch gut funktioniert. Konditioniert von Anfang an… so viele Seelen gebrochen.
    Die Politik setzt da vollkommen falsch an. Anzusetzen wäre bei einer gerechten und bedürfnissorientierten Unterstützung der Mütter, für mindestens 3 Jahre, eigentlich noch mehr. Es ist noch ein weiter Weg zur Gleichberechtigung und bis auch Kinder endlich eine Stimme bekommen.

    1. Liebe Madameflamusse, danke für den ausführlichen Kommentar. Zum Punkt der Wochenheimbetreuung im Vorschulalter habe ich ein klares Urteil, gegründet auf eigenen Erfahrungen, wie auch auf Erfahrungen Anderer. Bisher kenne ich niemanden der diese Zeit unbeschadet überstanden hat. In Israel im Kibbuz ( zum Beispiel) gab es ja ähnliche Strukturen. Mich würde interessieren wie dort die Erfahrungen sind. Es ist eine Erfahrung mangelnder Verlässlichkeit, Stabilität in Zusammenhang mit Ohnmacht. Ich weiß das es es politisch damit begründet wurde, dass eine Institution neutraler als eine Familie erziehen könne. Ich durfte alle drei Wochen am Wochende nach Hause, das war orphelantdasein im ersten Jahrsiebt. Allerdings glaube ich grundsätzlich: dass jeder das gibt was er geben kann. Da sind die Ressourcen unterschiedlich und Resilienzen auch. Die Gleichberechtigung in der DDR fand ich toll und gelungen, allerdings oftmals zu Lasten der Kinder. Man weiß nicht wie man selbst gehandelt hätte, wenn man in derselben Lage gewesen wäre. Meine Mutter durfte als Arbeiterkind studieren und sie war bestrebt das zu schaffen.Zur Krippenerziehung stehe ich etwas anders. Ich glaube dass es in diesem Falle so individuell wie das Kind ist. Die Kinder die bereits mit Vorerfahrung in den Kindergarten kommen, haben es oft leichter, als Kinder die erst später beginnen. Das betrifft aber nur die Eingewöhnuingsphase. Die sozialen Prozesse in der Gruppe sind bereits geübter. Solange man dem Kind in der Familie Liebe und Stabilität entgegenbringt ist meiner Meinung nach nichts gegen eine frühe Fremdbetreuung zu sagen. Leider ist es in verschiedensten Bundesländern in Deutschland noch so, dass die Gegebenheiten nicht stimmen. Betreuungsschlüssel etc. Ich kenne viele Frauen die sich nicht entscheiden möchten zwischen Beruf und Kindern und ich halte das für legitim. Trotzdem liesse sich überlegen ob ein Elterngeld über drei Jahre in ausreichender Höhe die Entscheidungsfreiheit garantieren würde.

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