Karfreitag

1522424192246Morgens sieben Uhr trampeln mir die Jungs auf denNerven herum.“ Julius?“

„Ja?“ „Ich wohne auch hier. Offenes Haus hin oder her, aber wenn du dir Besuch einlädst der so früh aufsteht, musst du dich auch drum kümmern. Wenn ich dich daran erinnern darf, das ein Filmeabendverbot bestand….“

Murrend steht Julius auf, ich leg mich wieder hin.

Offenes Haus, das bedeutet: dass viele Familien es im Vorort so halten: die Kinder besuchen sich spontan, Übernachtungen sind eher Regel als Ausnahme, ein Pippi Langstrumpf Leben war das als die Kinder noch klein waren und in Gruppen um den Vorort oder die Gärten zogen. Jetzt sind es oft Computerspiellastige Abende bei Julius, während Anna Filmabende veranstaltet.

Grundsätzlich habe ich also nichts gegen Übernachtungsbesuch einzuwenden, solange er mir bekannt ist und nicht 7.00Uhr aufsteht.

Etwas später: „Paaaapa „, brüllt es von oben.

„Karla, ich kann gerad nicht.“

„Papaaaa!“

„Ich kann gerad nicht.“

„Ich brauch das W-lan Passwort, Paapa!“

„Ich kann gerad nicht!“

Das geht schief, denke ich…..

„Man Papa, jetzt hab ich den Laptop gesperrt, weil du nicht gekommen bist!“

Der Gatte kann plötzlich doch. Ich kenne meine Tochter.

 

Etwas später am Vormittag steht Luise vor der Tür.  Die Hunde toben in der frühlingshaften Sonne, wir trinken Cappucino, bewegen Themen wie Arbeit, Paleodiät, Beziehung. „Nimmst du mich mit zum Bahnhof?“

Die Kinder sind verwundert, dass ich ohne sie wegfahre. Es geht nach Hamburg in die Petrikirche. Im Zug schlafe ich ein.

Yulia wartet mit ihrem Mann bereits bei der Kirche. Sie haben mich eingeladen.Ich liebe die Matthäuspassion. Während ich dem klaren Stimmklang lausche, ziehen die Bilder aus dem Pasolinifilm an mir vorbei.  Zum Film

 

Morgenstern

Wachet und betet mit mir!
Meine Seele ist traurig bis an den Tod.
Wachet und betet mit mir!
Eure Augen sind voll Schlafes –
könnt ihr nicht wachen?
Ich gehe, euch mein letztes zu geben –
und ihr schlaft…
Einsam stehe ich unter Schlafenden,
einsam verbringe ich das Werk
meiner schwersten Stunde.
Wachet und betet mit mir!
Könnt ihr nicht wachen?
Ihr alle seid in mir,
aber in wem bin ich?
Was wißt ihr von meiner Liebe,
was wißt ihr vom Schmerz meiner Seele?
O einsam!
Einsam!
Ich sterbe für euch – und ihr schlaft!

Christian Morgenstern

Jetzt ist Karfreitag. Was für ein Konzert!

Drei Stunden später:

Am Bahnhof versuche ich den Nachklang noch innerlich zu bewahren, während Horden besoffener Männer den Hauptbahnhof belagern. Auch die Zugfahrt ist unangenehm.

Gegen Mitternacht schlage ich zu Hause auf, lese noch im Greenwell und schlafe bald darauf todmüde ein.

Sina wird heute kommen. Wir fahren ans Meer und abends  sind der Gatte, die Kinder und ich zum Osterfeuer eingeladen. Nur die öffentliche Ballettprobe die schaffe ich nicht.  Das Haus möchte geputzt werden. Leihe mir die Bluetoothlautsprecher des Pubertiers, höre den Thomanerchor mit der Matthäuspassion und lege los.

5 Antworten auf „Karfreitag

    1. Dankeschön:) Schön zu wissen, dass man mit dem putzen nicht allein ist. Bin etwas unmotiviert. Dir und deiner Familie schöne Ostertage, lieber Arno. Liebe Grüsse Xeniana

      1. Im Moment motiviert mich, dass ich jetzt nicht mehr alleine putze, aber die Küche muss wieder in Ordnung gebracht werden 😀

  1. Wie schön dein Beitrag, der die Entnervung durch die manchmal nervigen Lieben, die tiefen Erlebnisse bei der Matthäuspassion und das wunderbare Morgensterngedicht, die besoffenen Mitreisenden, die Haushaltsroutine und die Erwartung gemeinsamen Feierns am Feuer bündelt, ohne die Widersprüche auszubügeln. Alles ist das Leben eines Tages. Welch ein Reichtum.

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