Sonntag

Diesiger Himmel, regenschwere Luft. Vom Schreibtisch fällt mein Blick auf gelbe, rote und rosafarbene Tulpen. Der Gatte, der jetzt in diesem Moment in der Küche steht und Hefebrötchen bäckt,  hat diesen Vorgarten zu dem gemacht was er jetzt ist- ein Vorgarten.

Anna teilt sich heute ihr Zimmer mit vier weiteren Mädchen, zwei davon sprechen spanisch. Julius ist auf einer Geburtstagsparty. Alles schläft, bis auf den Gatten und mich.

Ich habe eine heftige Erkältung mit hohen Fieber überstanden, in den Schlafpausen las ich „Dunkelgrün fast schwarz“ und „Schlaf auch du“, beides Bücher die es in sich haben, die Tiefen ausloten und nicht zuletzt, hervorragend geschrieben sind.

Ein ruhiger Sonntag liegt vor uns, nachdem der gestrige Tag gespickt war mit herausgehobenen Momenten.

Wer war der alte Mann der im Zug nach seiner Tochter suchte?

 

 

Kantinenmoment auditiv

Na ihr Hübschen! ( Nein ich bin nicht gemeint! Natürlich nicht:))

babylonisches Stimmengewirr

Geschirrgeklapper

ein Lachen

„Schwäbisch und Sächsisch sind sich ähnlich.“

Rührei, Speck, Rote Beete!

„diese Luftfeuchtigkeit !“

Achso ähm

Rührei Speeeeck !  Kaffeeautomat springt fauchend an.

Besteck klappert laut

Kinderstimme ruft

Stimme aus dem Off verkündet das baldige Ende der Pause

 

Amsel pfeift im Kontergesang „Believer“ von Imagine Dragons von den Dächern

Julius spielt in den lauen Frühlingssommerwind „Believer“. Ich lese an die Wand des Wohnwagends gelehnt“Eileen“. In die Saxophonklänge mischen sich plötzlich in den Refrain sanfte Flötentöne.  Erst halte ich es für einen Zufall, bis die Amsel immer wieder den Refrain begleitet. Eine Amsel im Duett mit meinem Sohn. Ich staune.

Sonntag-Nachgefragt

„Karla du hast gesagt, du empfindest Ballett meist als kalt. Wie meinst du das?“

„Ja wenn es klassisch ist, dann ist es perfekt aber kühl. Irgendwie fehlt das Gefühl. Aber wenn man sich zum Beispiel Polina Semionova ansieht, das ist perfekt und mit ganz viel Gefühl, irgendwie freier. Ich find die Verbindung cool von Ausdruck und Klassik.“

Der Regen hat aufgehört, bedeckter Himmel, es ist mild. Jetzt blühen die Osterglocken.

Karla empört: „Papa sie hat dich unter deinem eigenen Namen in den Kontakten gespeichert!“

Darüber hatte sich das Kind gestern schon echauffiert. „Wie denn sonst?“, frage ich ratlos.

„Mama, normalerweise nennen sich normale Eheleute in normalen Ehen: Mama und Papa.“

 

 

„Jahre später“ von Angelika Klüssendorf-Leseeindruck-Entwurf

„Nun ist sie dreißig und weiß immer noch nicht, was gut oder schlecht für sie ist.

Das Mädchen April, aufgewachsen in desolaten Verhältnissen, ist im dritten und letzten Teil der Romantrilogie von Angelika Klüssendorf erwachsen geworden. Mit ihrem elfjährigen Sohn lebt sie in Berlin.

Bei der Lesung aus ihrer Untergrundmappe in einer Galerie auf der Reeperbahn, trifft sie auf den charismatischen Ludwig. Der Chirurg, den sie für erwachsen hält, zieht sie bald in eine intensive Beziehung. Er will sie heiraten, ein Kind mit ihr, man fragt sich bald : was will April? April bleibt keine Zeit um nachzudenken, zu intensiv, verbrennend, existenziell raumgreifend ist diese Verliebtheit.  Zusammen lassen sie einen Vogel in der Tierhandlung frei, schreiben einen ominösen Brief an eine ältliche ewig meckernde Nachbarin, sie bringt ihn bei auf zwei Fingern zu pfeifen, leben spontan, voller skurriler Einfälle. Leichtigkeit.

Das Feuer ist entzündet und wie alles was Ludwig ergreift, ist es ein Ganz oder gar nicht, hat es neben der Magie eine dämonische Seite.

„April ist eine andere, wenn sie liebt. Noch fühlt sie sicher.“  Sie fühlt sich mit dem Leben verbunden. So fulminant, irrlichternd, vereinnahmend diese Liebe begann, umso einsamer und desillusionierter wird sich April später in der lieblos gewordenen Ehe wiederfinden. Das gemeinsame Kind ist gerade erst drei Jahre alt, als Ludwig sie wie etwas nutzlos gewordenes beiseite legt.

Nachmittage aus Zement und Einsamkeit.

Nach anstrengenden Arbeitstagen, verbringt Ludwig die Abende am Computer, feuert Raketen in die Wüste, will in Ruhe gelassen werden. April wird von seiner kalten, manipulativen Unberechenbarkeit ins bodenlose gezogen. Man  wünscht ihr den Mut zur Trennung.

Eine toxische Beziehung, sie übersteht diese Jahre, auch die hasserfüllte Trennung. Es scheint als hätte das Grau gesiegt, bleibt sie noch hoffnungsloser zurück,  wäre da nicht das Schreiben. Am Ende des Romans steht der erste Satz ihres Buches: „Scheiße fliegt durch die Luft.“ Es ist auch der erste Satz des ersten Bandes der Trilogie . „Das Mädchen“

Lakonisch, platzsparend, gerade, spartanisch, unumwunden, präzise, spröde,

so wird der Ton Angelika Klüssendorfs in Rezensionen genannt.

Eine Sprache die unter die Haut geht, eine Geschichte die unter die Haut geht.

Der Roman „Jahre später“ ist bei Kiepenheuer und Witsch 2018  erschienen.

 

 

 

Mittwoch mit dem Versuch eine Rezension zu schreiben und kaltem Wind

Der Winter ist zurück. Ein heißer Cappucino, der Wind fegt ums Haus und auf Whats App fragt Luise wie es meinem Kopf geht. Himmel, das war mal ein Migräneanfall vom Feinsten. Eigentlich bekomme ich keine Migräne, aber noch nicht mal das ist sicher.

Stift und Papier neben dem Buch „Jahre später“, der Versuch einen Leseeindruck zu formulieren. Etwas was mir bei diesem Buch nicht leicht leicht fällt, vielleicht weil es so verdammt nah ist, nicht in den Gegebenheiten, aber in der Art zu sein.

Vielleicht sollte ich die Örtlickeit wechseln, die Kantine wäre ein perfekter Schreibplatz, alternativ irgendein Cafe oder die Bücherhallen. Ich bin noch unentschieden.

Der Gatte buddelt bei 4 Grad im Garten. Maulwurfurlaub.