Proust lesen Tag 106-Guermantes-noch immer Salon

Hamburg:

Überall Straßenmusiker/innen mit teilweise fantastischen Stimmen. Ich wanderte die Hafencity entlang, wie auch schon im letzten Jahr. Es ist seltsam einen Ort, ein Jahr später wieder zu besuchen, der dann die ihn gespeicherten Erinnerungen wieder freigibt.

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In den Bücherhallen Bücher gejagt, einem kleinen dunkelhäutigen Mädchen beim tanzen zugeschaut, aus dem Cafe kam Applaus und immer wieder diese Hamburgatmosphäre in mich aufgesogen. Ich liebe diese Stadt.

Gegen Zehn war ich zu Hause, fütterte die Katzen, ging mit den Hunden Gassi, fütterte die Hunde und dann todmüde, las ich Proust. Das dabei nicht viel herauskommen kann ist klar.

Proust: Noch immer im Salon von Oriane, wird sich unter anderem geistreich über Victor Hugo und Balzac unterhalten und darüber ob Literatur denn unbedingt das Hässliche in sich sich aufnehmen müsse, dass Leben sei doch schon grausam genug.

Proust lesen Tag 105-Guermantes-Oriane

Proust: An Tagen wie diesen beschränke ich mich allein darauf, niederzuschreiben was haften blieb. Der Ehemann der Madame de Guermantes liebt sie nicht, ihr verhilft seine Kühle und Strenge ihr nervöses Temperament zu erden. Während Oriane mit ihrer Ausstrahlung, ihrem Charme ihren Salon zu dem Salon überhaupt macht, hat ihr Mann wichtigeres zu tun und flattert von einer Liebe zur nächsten. Und so zeigt sich unter der Oberfläche der bezaubernden, schönen, geistreichen Oriane ein zweites Ich, dieses desillusioniert, bitter und müde.

Kiel:

Früh -Spätdienst und Dauerregen. Mit den Kindern im Wald. Wir schlossen die Augen um den Regen noch deutlicher zu hören.

Während Karlas Tanztraining zum Buchladen (eine Kette) gegangen. Ein Buchhändler und eine Buchhändlerin unterhielten sich über den Islam, ob er zu Deutschland gehöre oder nicht. Der Buchhändler sagte, er verstehe die Frauen nicht die den Islam positiv gegenüberständen, denn diese Religion beschnitte die Frauenrechte. Irgendwie ließ mich das an die letzte Predigt denken, die ich vergangenen Sonntag im Radio  zur Beruhigung auf der Fahrtrour gehört hatte, da ging es darum, dass die Frau dem Manne Untertan sei, es war eine katholische Predigt. Das ich mich verfuhr war zwangsläufig.

Die Buchhändlerin jedenfalls, vertrat den Standpunkt, man könne nicht alle über einen Kamm scheren. Das sei ein Totschlagargument sagte der Buchhändler. Ich nahm mir dann Sarrazin, weil er dort rumlag und sowieso gerade überall besprochen wird. Er, Sarrazin hat nichts dagegen, wenn Menschen sich mischen, aber die Migranten wollen das ja gar nicht, weil sie in ihrer Blase leben wollen, später erstreckt er das auf alle Bevölkerungsgruppen. Man will unter sich bleiben, vermutlich führt das irgendwann zu Ethnopluralismus. Ich hätte es polemischer erwartet, mitgenommen habe ich das Buch nicht. Ich finde wenn man Sarrazin auslegt, sollte man auch Sebastian Haffner daneben legen. Man kann nicht nicht Stellung nehmen.

Proust lesen Tag 104-Guermantes und was vom Tage übrig blieb

Kiel:

Der Borretsch blüht und die Bienen kommen in Schwärmen. Der Hornsauerklee blüht auch, zieht die Bienen aber nicht an. Ein paar vereinzelte rote Rosen, orangefarbene Beeren an der Hecke.dav

sdr
Fiona genießt die Aussicht.

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Eine Singdrossel in der Vogelkirsche, auch Amseln und Kernbeißer bedienen sich.

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Ubu und Luna am toben

Sonniger Tag, ich durfte noch auskurieren.

Proust: Oriane ist geistreich, voller Esprit, um sie wird viel Aufhebens gemacht. Sie mag es nicht, wenn in ihrer Gegenwart die Schönheit einer anderen Frau gerühmt wird.

Dort wo Oriane de Guermantes auftaucht, fühlt man sich geadelt, aber man fürchtet auch ihren Spott, die genaue Beobachtungsgabe und die Schärfe ihres Verstandes.

Proust lesen Tag 103-Guermantes-Denver Clan und die einsame Prinzessin von Parma

Courvoisirs gegen Guermantes, die einen legen Wert auf eine tadellose Abstammung, die anderen folgen dem Adel des Geistes. Wo Gute sind muss es auch Böse geben. Die sozialistischen Ideen der Madame de Guermantes werden trotzdem nicht dazu führen, dass die charismatische Oriane einen mittellosen Künstler heiratet. Adel verpflichtet eben doch und die Rangfolge ist nur solange nicht von Belang, wie eine keine Verwässerung des blauen Blutes zur Folge hat..

Proust beschreibt die Bewegungen der männlichen Dekadenz als Choreografie des Ballettcorps.  Die einsame Prinzessin von Parma kopiert jedwede Bewegung der Madame de Guermante, allerdings ohne deren Esprit und so muss sie sich zuweilen mit 2 Gästen im ihren Salon bescheiden.

Kiel

Nachdem es sich gestern schon angekündigt hatte, musste ich mich heute krankmelden.

Es warf alle meine Pläne durcheinander und ich musste mich zu jedweder Tätigkeit aufraffen. Ich gestalte ein Gebärdenbuch mit Guk Karten, lese neurologische Fachliteratur und warte darauf, dass die Kinder aus der Schule kommen und etwas erzählen. Sie erzählen nichts.

Wetter: relativ kühl, wolkenverhangen.

Innenpolitik: Im Chemnitz kam es nach einem Mord auf einem Stadtfest zu bürgerkriegsartigen Verhältnissen.

Proust lesen Tag 102-Guermantes

Proust: Madame de Guermantes nimmt es als Zwang des Adels, bzw. als lästige Beigabe, dass man statt spannende Bücher zu lesen, Salongeplauder veranstalten muss.

Mir wäre es lieber, sie würde spannende Bücher lesen.

Kiel: Das wetter schlägt Kapriolen. Morgens kalt und regnerisch, nachmittags warm, durchsetzt mit schwüler Luft, furchtbar. Der Organismus weiß nicht, auf was er sich einstellen soll.

Der Arbeitstag gelang. Nachmittags fühlte ich mich angeschlagen, schlief eine Stunde, ging eine mittlere Hunderunde und beschloss den Holunder auf später zu verschieben. Manchmal hat der Tag einfach zu wenig Stunden. Ich bin dabei, die Gebärdensprache wieder zu aktivieren. Das bedeutet Vorbereitung und viele Hausaufgaben.

Proust lesen Tag 101-Guermantes

Proust: Nach den heutigen zwanzig Seiten, fragte ich mich was ich dazu bloggen sollte. Ich blätterte in „Schmidt liest Proust“. Jochen Schmidt benennt den Salon der Madame de Guermantes als Auslaufgehege des Adels mit bestimmten Gepflogenheiten. Also Marcel ist dort, wo er bereits im ersten Band hinwollte, er hat die nächste Sprosse erreicht.  Hier ist man so höflich und edel, dass es kaum auszuhalten ist. Marcel verliert sich auf dem Weg zum Salon im Anblick echter Elstirs. Er trifft mit 45 Minuten Verspätung  zum mittags oder Abendmahle ein. Vermutlich knurrt allen schon der Magen, aber man lässt sich nichts anmerken.

Kiel: Morgens Proust gelesen. Ich war leider abgelenkt, weil mir die Fahrtour bevorstand-diesmal ohne Gatten.  Nein ich fand den Mut nicht. Der Gatte musste wieder auf den Beifahrersitz. Irgendwann sagte ich, „setz dich mal bitte nach hinten.“ Es ging durch Gaarden, Wellingdorf . Ich bog falsch ab, bzw. fuhr geradeaus wo ich hätte abbiegen müssen. Naja dann fährst du jetzt nach Dietrichsdorf. Irgendwann wendete ich und kam auf eine fiese Kreuzung, auf der ich nun auch noch links abbiegen musste. Die Ampel war rot, stellte für zwei Sekunden auf Grün und fiel dann aus. Irritiert fuhr ich zu spät los, es war schwer zu sehen ob der Gegenverkehr rot hatte, weil alle rasant an die Ampel heranfuhren. Irgendwann hupte es, was ich als Zeichen verstand loszufahren. Ich fuhr also an, mittlerweile hatten die von links grün….es war der Horror. Wir haben die Kreuzung dreimal geübt. Am liebsten wäre ich nicht weitergefahren, aber ich wollte das Negativerlebnis nicht im Gehirn festschreiben und siehe der Rest der Strecke war kein Problem, auch die Geschwindigkeit nicht.

Dann Strand, Wind, Kitesurfer, Hunde, Sonne, Sand, Wellen. Luna und Ubu tobten herum, der Gatte kraxelte über Felsen.

Die Rückfahrt nutzten wir um durch unbekanntes Gelände zu fahren.

Gegen Mittag waren wir wieder zu Hause, der Gatte kochte: es sollte mit Hackfleisch gefüllte Schmorgurken geben, ich erntete Quitten  und begann sie zu zerkleinern. Alles war irgendwie bruchstückhaft. Vorbereitung auf ein Elterngespräch, Förderplanung, Quittengelee. Irgendwann war der goldgelbe Saft zum Abkühlen bereit.

Ich ging eine lange Runde am Fluss entlang, Sonntags ist hier viel los. Jogger, Radfaher, Hunde und Besitzer und einige Angler. Das Schilf am Flussufer rauschte, es singen kaum Vögel, ein paar Blesshühner hörte ich.

Das Wetter war merkwürdig, um die 18 Grad, windig, nicht warm , nicht kalt.

Nach der Hunderunde begann ich aus dem Rest des Quittengelees, Quittenbrot zu machen. Im Garten trafen sich die Musiker um zu proben, Hummeln und Bienen tummelten sich gierig am Borretsch, die Wespen blieben beim Wein.

Relativ müde jetzt.

 

 

 

 

100 Tage Proust-Guermantes

Proust: Seit einhundert Tagen lese ich die Recherche. Heute eine deutliche Anspielung auf eine eventuelle Homosexualität Saint Loups, eine Einladung von Charlus die an den geheimnisvollen Vertrag erinnert, und einem Saint Loup der „Nicht den Boden berühren“ in einem Restaurant spielt.

Resumee: Oft, sehr oft sogar, freue ich mich darüber, dass ich den Mut hatte es mit diesen Mammutwerk aufzunehmen. Es steckt so viel drin und manche Sätze hauen einen einfach nur um, man bleibt nicht an der Oberfläche, immer geht es um tiefere Schichten, um den Sinn, um das was bleibt, um Motivation, um das was einen antreibt im Leben und dem was sich dagegen stellt. Die Langsamkeit stört mich nicht, nur das Salongeplauder liegt mir leider gar nicht, wobei ja nie nur das Salongeplauder gemeint ist. Würde ich richtig lesen, würde mir auffallen, dass ganz Frankreich dort Platz nimmt und an der großen Umwälzung teil hat.

Vielen Dank an dieser Stelle, an Bert, Gerda, Karin und alle anderen, durch deren kommentieren, im übrigen für mich der wichtigste Part, das bloggen erst seinen Sinn bekommt.

Kiel: Morgens im Discounter versucht ein Mann um die sechzig den jungen Kassierer fertigzumachen. Der Kassierer hatte dem Kunden zugemutet sich seine Zigaretten selbst zu holen. Mit leise drohender Stimme sprach er von: „Sie haben für mich dazusein, nicht ich für sie, Kunde ist König, er habe noch viel zu lernen. Irgendwann versagte meine Impulskontrolle . „Jetzt hören sie mal auf“, sagte ich, „zunächst einmal hat man Achtung vor demjenigen der da einen guten Job macht.“

„Halten sie sich raus“, sagte er. „Auch sie haben noch viel zu lernen.“

Ich erwiderte: „Und sie- am Ende ihres Lebens auch noch- dieses verwundert mich. Ich habe übrigens gelernt, dass Überheblichkeit meist vor dem Fall kommt.“ Damit war die Diskussion beendet, der Kassierer wünschte mir ein schönes Wochenende.

Morgens nach einer alten Freundin gesucht-im Netz und sie gefunden. Sie lebt mit Pferden, Hunden, Hühner, Katzen in einem Haus, macht Veranstaltungen über Permakultur und Nachhaltigkeit, ist Künstlerin. Ich schrieb sie an, sie lud mich ein. Bayern, nicht die nächste Nähe, aber das Projekt klingt äußerst spannend. Wer mehr wissen will: Das Wolfenhaus

Pizza gebacken, zu Fuss mit den Hunden einkaufen gewesen und dann war wieder Fahrtraining angesagt: nach Heidkate.

Heidkate:

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Morgen fahre ich zum ersten Mal allein.

Wetter: Kühl, so kühl, dass man eine Jacke braucht. Immer wieder Regen, morgen kommen die Quitten vom Baum ins Glas, Hagebuttenmarmelade will ich auch ausprobieren. Würziger Herbstduft nach Laub und Feuer.

Proust lesen Tag 99-Guermantes-Soap

Proust: nicht wundern. Der 98. Tag ist zurückdatiert….aber jetzt bin ich wieder in der Spur.

Marcel hat von Sain Loup gehört, dass Mademoiselle Sternmaria schnell nachgeben wird. Er beginnt die Körperpflege und das Styling für den ersehnten Tag bereits 48 Stunden vorher. In die Rasur platzt Albertine, sie soll ihm helfen das Candlelightdiner mit vorzubereiten. Albertine von der geliebten Göttin, gefallen zur Lückenbüsserin.

Falls er besagte Dame an dem Abend nicht herumkriegen würde, bliebe immer noch Albertine. Von Freundschaft hält er auch nichts und ich beginne mich darüber zu ärgern, dass ich für diesen neurotischen, beziehungsgestörten Typen, die von Panikattacken heimgesuchte, tiefsinnige und vielschichtige Psychologin sitzen lasse, bei der ich irgendwann noch mit erleben will, wie sie sich dem Leben wieder stellt, das Haus verlässt..

Zum Glück kommt dann noch dieser Satz: „Wir nutzen unser Leben kaum, lassen in den spät dämmernden Sommerabenden oder in den frühen Winternächten die Stunden unvollendet, die doch ein wenig Friede oder Genuss einzuschließen schienen.“

Kiel: Deutlich Kühler. Sprühregen, Herbstluft, in der Kita haben wir Holundergelee eingekocht.

Später schreibe ich einen Bericht, er kostet mich fünf Stunden, während der Gatte die Hamburgtour übernahm.

Haushaltsarbeit im Anschluss, wirft die Frage auf, warum ein Haus grundsätzlich zum Chaos überlaufen will, es könnte sich genauso gut für Ordnung entscheiden.

Irgendwann ist die Wäsche bewältigt, kommt Karla von der Probe, hat Anna Freundinnenbesuch und bin ich gut gelaunt, weil ich mein Programm geschafft habe.

Die Tage werden rasant kürzer.

Proust lesen Tag 98-Guermantes-Charlus und Bloch

Proust: Bloch der behauptet, Charlus hätte zu ihm ein besonderes Verhältniss, wird im Beisein von Marcel von Charlus ignoriert.  Heute nur zehn Seiten.

Kiel: Es soll der letzte wirklich warme Sommertag sein. Karla hat eine Probestunde im Ausdruckstanz, ich sehe die Trainerin nicht, höre sie aber. Ich kenne ihre Stimme. Später nennt Karla den Namen, es ist unsere Ehemalige Babysitterin die mir vor zwanzig Jahren zur seite stand. Man merkt das Alter spätestens dann, wenn man in Jahrzehnten denkt, jedenfalls was den Rückblick betrifft.

Nachts regnet es immer wieder heftig, ich schlafe schlecht.

 

Proust lesen Tag 97-Guermantes-Einladung

Proust. Das Prinzip bleibt immer dasselbe: Marcel bekommt das Erhoffte immer erst dann, wenn er es nicht mehr erhofft und auch nicht mehr will. Nachdem er auf Wunsch seiner Mutter, die Spaziergänge einstellte, um Madame de Guermantes zu sehen, die Leute begannen zu reden…, erhält er nun eine Einladung in ihr Haus.

Meine Freude hält sich in Grenzen. Bitte kein weiterer Salon…..Guermantes wird für mich zur Herausforderung.

Kiel: Einschulung. Stolze Erstklässler mit riesigen Schultüten, ein schönes Musical der Grundschüler zur Begrüßung und ein Abschied.

Es ist warm, sehr warm, aber überall breitet der Herbst bereits sein Reich und so mischt sich in den später lauen Spätsommerabend ein Hauch von Wehmut. Eine Hunderunde durch den Wald. Die Sonne geht glutrot unter und taucht den See in Farbe.