Proust lesen: Fan

Proust lesen Tag 6 /Kiel

In Swanns Welt/Seite 100-120

Proust als Fan bzw. der Erzähler der namenlos bleibt, ist vom größten Glück erfüllt, wenn er einen Blick auf die Schauspielerinnen backstage erhaschen kann. Er spricht von einem Glück ähnlich dem Verliebtsein. Na wenn das kein Fandasein ist dann weiß ich auch nicht.

Dann gibt es da noch diesen Onkel der sich mit den Kokotten trifft. Ein Umstand der den Protagonist hoffen lässt, noch mehr in die Nähe der angebeteten Schauspielerinnen zu kommen.

Durchschaubar sind nur die Charaktere in Büchern, im wirklichen Leben erhaschen wir stets nur unsere Sicht auf die Person, ein großer Teil ist unsichtbar und wird durch eigene Interpretationen ergänzt. Interessanter Gedanke. Proust lesen ist schwierig und sehr spannend.

 


Der Mai ist unglaublich, eine sommersatte Mattigkeit liegt über der Stadt. Ich hole mir aus der Bibliothek „Das Drama des begabten Kindes“  und ein Buch über narzissstischen Missbrauch-„Wie schleichendes Gift“, ein Thema welches mich hoffentlich nicht betrifft. Der Sohn feiert seinen Geburtstag nach, natürlich mit Übernachtungsparty und zehn Gästen. Das wird ein Spaß!

Eine seltsame Melancholie, vielleicht weil ich mich auf einen eventuell bevorstehenden Abschied einstelle. Der Apfelbaum ist am Verblühen, der Flieder auch, dafür leisten Mohnblumen nun dem Rotklee Gesellschaft.

 

Wundersame Verschmelzung-Proust lesen Tag 5

Kiel/In Swanns Welt/S.80-100

In der Suche beschreibt Proust heute akribisch die Kopfbedeckung der Bediensteten Francoise. Die Haube, denke ich, kommt mir bekannt vor…..

Dann weiß ich wo ich diese schon mal sah-bei der Bediensteten( brillant dargestellt) aus einem Musical. Ich versuche diese Verbindung zu kappen, aber ehe ich mich versehe hat Francoise nicht nur die Haube von Mrs. X. auf, sondern auch deren rauchige Stimme, deren Temperament-überhaupt verschmelzen sie zu einem Wesen. Damit wird zumindest diese Figur im Roman für mich plastisch, greifbar. Ich frage mich ob es statthaft ist diesen Charakter in Proust einzubauen. Eine gewagte Verbindung, doch durch ihn erwacht Proust für mich zum Leben. Seis drum.

Tag am Meer mit Möwen, Himmelblau, Wind und Wasser.

nor

Später , Zuhause finde ich mein Zimmer belagert, Saxophonunterricht, ich bin so müde dass ich Zuflucht im Wohnwagen suche und sofort einschlafe.

Karla singt seit Stunden diesen Cranberriessong Zombie und übt Growling in ohrenbetäubender Lautstärke. Ich flehe um Gnade, aber das Kind will es können und growlt weiter.

Proust S. 80-100: Über viele, viele Seiten wird die Kirche von Combray beschrieben. Unterhaltsamer finde ich die Darstellungen über das was unbekannte Personen oder Hunde im Dorfe auslösen. Ein unbekannter Hund und Francoise wird sofort zum einkaufen losgeschickt. Kenn ich auch irgendwoher.

Satz des Tages: „Versuch immer ein Stück Himmel über deinem Leben zu haben, mein Kind, fügte er zu mir gewandt hinzu. Du hast eine reiche Seele, das ist eine Seltenheit, eine Künstlernatur; laß sie nicht darben an dem, was sie braucht.“

 

 

 

Zwischen Stadt und Land-Seßhaft aus Pflichtgefühl

Zug nach Hamburg/In Swanns Welt/Seite 60-80

Erinnerungsexplosion.  Im Zug nach Hamburg die Madeleineszene gelesen, diese hatte ich vor einigen Jahren in einem Wochenendseminar mit Jochen Schmidt  ausgiebig auseinander genommen.

Hamburgtag

In Altona flirrt das Leben. Genieße es in der Menge abzutauchen, erkunde die Bücherhallen im Mercado, durchstreife die Seitengassen, trinke Cappucino, schaue in die ausgeliehenen Bücher. Ich bräuchte mal etwas schwerelosere Literatur. Die Themen Narzissmus und Traumata ( in der Bibliothek bearbeitet)  heitern mich nicht gerade auf. Ich habe einen Konflikt mit unzureichenden Mitteln gelöst, nun liegt er mir im Magen. Zwischendurch whats apped die Freundin: “ Wollen wir am Wochenende in die Künstlerkolonie? Es gibt ein Fest.“

Schreibe dem Gatten: „Kann ich weg am Wochende? Hamburgtag decke ich ab.“

Später an die Freundin: „Klappt“

Altona ist toll, schrill, bunt, lebendig. Zum Glück hab ich auch George Sand ausgeliehen, weil die Mutter in der „Suche“ nachts dem Kind George Sand vorliest.

George Sand ist Premiere für mich: „Seßhaft aus Pflichtgefühl, glaubst du mein lieber Francoise, daß ich, vom stolzen und eigensinnigen Lieblingsgedanken der Unabhängigkeit hingerissen…“ Das könnte was werden. Da die Zweigstelle außer „Mallorca“ nichts von George Sand vorrätig hat, vertage ich es auf die Kieler Bibliothek.

Erst spät am Abend schlage ich wieder im Vorort auf, noch ist es warm, Duft von Flieder.

Proust Tag 4:  Anhand eines Stückchen Madeleine, versinkt Proust in einem Erinnerungsflashback, ähnlich ( in der Intensität, aber positiv)  einer traumabedingten Erinnerung, die man lebt wenn sie aufsteigt. Er versucht an dieses Erlebnis anzuknüpfen. Jochen Schmidt vermutet, dass jene Erinnerung vermutlich das ganze nächste Kapitel, bzw. die ganzen sieben Bände gebiert.

Weiterhin eine kranke Tante, die ausschließlich liegt und das Leben am Fenster liegend an sich vorbeiziehen lässt. Hypochondrie als Zeitvertreib.

Leider habe ich die zwanzig Seiten nur oberflächlich gelesen, Proust im Zug erscheint mir schwierig, jedenfalls für mich. Jochen Schmidt lese ich immer erst nach der Pflichtlektüre, um zu vermeiden versehentlich zu kopieren. Es muss genügen seine Vorgehensweise (Schmidt liest Proust),  1:1 abzukupfern.

Ein Tag am Meer liegt vor mir. Es ist nicht Balbec, aber dennoch nicht weniger spannend.

 

 

 

 

Dienstag-Tag 3 mit Proust- der gestohlene Kuss

Kiel/In Swanns Welt/S.40-60

Morgens Proust gelesen, genervt. Meine Güte, warum nur ist dieses Kind so zwanghaft an die Mutter gebunden, dass es in Kauf nehmen würde, ins Internat geschickt zu werden ob seiner nervösen Zustände. Das Kind braucht Freunde oder Geschwister, dann würde es nachts nicht schlaflose Stunden damit verbringen müssen, sich Strategien  zu überlegen, um doch noch an den Gutenachtkuss zu kommen.

Unsicher gebunden? Symbiose? Hmm. Ich bin froh diese Gutenachtkussgeschichte hinter mir gelassen zu haben.

Nach der Arbeit mit Karla zum Pferd gefahren, überall blüht es in satten Farben. Das Gelb der Butterblumen, Goldregen, das Violett des Rhododendron. Karla singt im  Bus „What shall we do with the drunken sailor“.  Noch später mit Anna zum Buchladen, ich konnte nicht widerstehen: Das Mädchen das in der Metro las“ musste mit.

Plausch mit der Nachbarin über den Gartenzaun, es ging um Pilgerwege.

Sommersatter Tag.

Ein nicht gegebener Kuss und von Kummer durchtränkter Bohnerwachs

Kiel/In Swanns Welt/S.20-40

Pfingstsonntag, vorerst so ereignislos wie ein weißes Blatt Papier.

Erst nachmittags raffe ich mich auf um mit den Hunden durch den Wald zu streifen. Drei Reiterinnen auf vor Kraft strotzenden Pferden. Mein Hals schmerzt.  Ich trete den Heimweg an.

Empfangen werde ich von einem kopfschüttelnden Julius: „Mama! Warum gehst du ohne Handy los? Papa hat einen Platten auf der Autobahn gehabt und Karla kommt nicht mehr pünktlich. Sie brauchten eine Telefonnummer!  Der ganzen Aufregung fiel Andorra zum Opfer.

Ein großes Dankeschön an die Autowerkstatt Mordhorst die alles gab um Karla doch noch pünktlich an ihr Ziel zu bringen. Sie hat es geschafft!

Hamburgtage

Es ist schon dämmrig als ich hinübergehe zu Julia, auf ein Glas Wein im Schein der bunten Lämpchen.  Julius feiert in seinen Geburtstag hinein, Anna ist in Norwegen, Karla und der Gatte in Hamburg. Und ich sitze im Vorort bei Julia im Strandkorb, nach einem Tag purer Abgeschnittenheit eine willkommene fröhliche  Abwechslung. Ich brauche das Alleinsein wie die Luft zum Atmen. Angriffe auf mein solitäres Dasein nehme ich persönlich, da meine Seele augenblicklich in einen asthmatischen Zustand verfällt, nach Luft ringt. Aber Abende mit Lachen und Klönen, Freundinnen und nette Nachbarn sind Glück pur.

 

Proust: Im Garten wird Swann empfangen, der außerhalb seiner Kaste heiratete und ein gern gesehener Gast ist. Trotzdem oder gerade deshalb? Seine Frau wird nicht empfangen. Für das Erzählerich scheinen die Abende unheilschwanger zu sein, denn sie bedeuten, dass die Mutter ihn den Gutenachtkuss nicht an seinem Bette geben wird (welche Symbiose!)

An diesem Abend gelingt es ihm noch nicht einmal, sich einen Gutenachtkuss im Salon zu rauben. Und so steigt er die Stufen, die nach Bohnerwachs riechen, entgegen seinem Herzen empor. Der Bohnerwachs aber enthält alle Erinnerungen nicht gegebener Gutenachtküsse und ist so Träger von Schmerz und Verlustangst.

Worte des Tages: völlige Anästhesie des Gehörsinns

 

Pfingsttage mit Proust-Beginn: die ersten zwanzig Seiten, unverletzliche Einsamkeit

Kiel/In Swanns Welt/S.1-20

Wie lange bin ich nicht in der Bibliothek gewesen? Vorbei die Zeiten als ich wöchentlich stundenlang die Bücherhallen frequentierte.

Unsere Kieler Bibliothek ist überschaubarer, kann vom Angebot aber durchaus mithalten.

Die Suhrkamp Ausgabe von der „Suche nach der verlorenen Zeit“ halte ich in den Händen, entscheide mich aber dagegen. Ich habe die Übersetzung von Eva Rechtel Mertens zu Hause.  Proust hatte ich tatsächlich mal bei uns im Keller gefunden, zusammen mit den Buddenbrooks  fristeten die Bücher ein lichtloses Dasein.  Dem Gatten hatte ich sie kopfschüttelnd unter die Nase gehalten. Er behauptete überzeugend, nicht der Eigentümer dieser Schwergewichte zu sein. Es hat sich nie aufgeklärt. Ohne diesen Kellerfund wäre ich vermutlich nicht auf die Idee gekommen,  es zu wagen es mit Proust aufzunehmen.

Zurück zur Bibliothek, mir begegnet das Buch, es liegt gleich vorn neben der Eingangstür : Gefahren des Lesens von Petra Gust-Kazakos ( tolle Buchbesprechung von Sätze und Schätze), das muss natürlich mit! Ich trete den Heimweg an.

Es sollen zwanzig Grad werden. Ein wenig Wind in der Stadt, das Gekreisch der spöttelnden Möwen.

Auf dem Bahnhofsvorplatz sitzt die Trinkerszene. Eine junge Frau, knapp zwanzig muss sie sein, zitternd als sie mich um einen Euro bittet.  Zum Zittern kommt Husten: „Sie brauchen einen Arzt“, sage ich, während ich nach Kleingeld suche. „Geht nicht“, antwortet sie, hab keine Krankenkassekarte. “ Ihr Husten klingt nicht gut.“ Der Husten kommt davon, dass ich zusammengeschlagen wurde. Kein Alkohohldunst, keine sichtbaren Blessuren, sie ist nüchtern, aber es umgibt sie etwas Lebloses. Ich gebe ihr den Euro mit dem Hinweis auf die Notfallambulanz. Es ist ihr egal. „Mir geht es gut“, sagt sie tonlos.

Mit den Hunden gehe ich später lange am Fluss entlang. „Unverletzliche Einsamkeit“, Worte von Proust.

Pappelschnee wickelt sich um maigrüne Blätter, Pusteblumenfelder, ein kleiner Admiral fliegt mir vor die Füße. Die Kastanien stehen in voller Blüte.

Noch später ist Besuch da. Es wird auf Keybord und Schlagzeug musiziert und unter dem blühenden Apfelbaum Kaffee getrunken.

Schönste Szene des Tages: Beim Discounter unseres Vertrauens treffe ich den Gatten.  „Hier bist du“, sagt er und „Wir haben dich überall gesucht, wir sollten wirklich mehr miteinander reden.“ In meinem Wagen: Heidelbeeren, Spargel und Blattspinat, in seinem Chips, Cola und Grillfleisch.

Am Abend bringe ich die „Blumenwiesensaat“ für Bienen aus. Sie sollen den im Vorgarten blühenden Rotklee ablösen. Ein Bienenvolk im Garten, das könnte ich mir auch vorstellen.

Die ersten zwanzig Seiten Proust: Der Erzähler wacht kurz nachdem er eingeschlafen ist wieder auf und ist desorientiert. Die Kerze wird mit einem Zündholz wieder angezündet, in der Ferne das Fauchen eines Eisenbahnzuges, Erinnerungen die ihn mal zur Großmutter nach Combray, mal zu altdeutschen Sagen führen. Mich beschäftigt beim Lesen die Reformation und Karl der Fünfte.

Schönste Beschreibung: Unverletzliche Einsamkeit.

Ich freue mich auf den Sonntag: ich werde endlich  „Andorra“ im Schauspielhaus sehen.

Euch allen wünsche ich wunderbare Pfingsttage.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

„Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.“

Ich möchte zurück zu Proust. Der Alltag ist schnell, ausschließlich auf der Aktivitätsebene. Man steht 4.30 Uhr auf, sortiert die to do Liste, startet die Apparatur, schnallt sich an. Es ist nicht hilfreich, dass der Wagen in die Jahre gekommen ist, zu schwer, zu scheppernd, mit Stellen von Rost. Er bedarf einer Generalüberholung.

Es gibt sie immer wieder diese Zeiten und es ist in Ordnung eine Zeit lang gegen meinen eigenen Rhythmus zu leben.

Allein das Lesen lässt sich so nicht beibehalten. Ich tauche nicht mehr ab, verbinde mich nicht mit dem Gelesenen, gehe nicht in die Tiefe. Heute morgen wachte ich auf mit dem Gefühl: Ich will „Die Suche“ noch einmal lesen. Ganz langsam, Stück für Stück , ohne dem Anspruch es jemals zu Ende zu lesen. Der Schnelligkeit die Langsamkeit entgegensetzen.

Noch einmal möchte ich mir : „Schmidt liest Proust “ zum Vorbild nehmen, die Vorgehensweise praktisch kopieren.

Es ist nicht mein erster Versuch, der Wunsch danach aber hält sich hartnäckig.

Man liest es diesem Beitrag an: die Worte sind weg, kauern erschöpft irgendwo.

Karla sprach gestern eine Wette aus, ein Moment der sich mir einbrennen wird, weil es eine Wette ohne Herausforderer war. Sie hatte etwas erkannt, indem ich ihr es gezeigt hatte. Sie hob ihr Kinn und sagte: „Ich wette mit dir in zwei Wochen werde ich das verändert haben!“ Auch hier ging es um Langsamkeit.

Ich erklärte ihr etwas von Trampelpfaden die zu Wegen werden, später zu Landstraßen, dann zu Autobahnen und das jener Umbau Zeit braucht. Aber sie schüttelte energisch den Kopf.

„Zwei Wochen, Hand drauf!“

Es ist ihr Wille, der mich so oft beeindruckt, immer wieder. Diese kleine, zarte Geschöpf, mit der von der Schwester geliehenen viel zu großen Lederjacke.

Sie hat einen guten Blick auf die Dinge.

Anna und Julius möchten nicht mehr in diesem Blog erscheinen, aber auch sie sind auf ihre eigene Art und Weise Klasse. Das Muttersein beschränkt sich immer mehr auf die Rolle des Standby Beraters. Der eigene Weg beginnt sich abzuzeichnen. Und das ist eine überaus spannende Angelegenheit.