„Es gibt kein Entrinnen vor den Stunden und den Tagen. Weder vor dem Morgen noch vor dem Gestern, weil das Gestern uns deformiert hat oder durch uns deformiert worden ist. Der Modus ist unwichtig. Deformation hat stattgefunden. Gestern ist nicht ein Meilenstein, an dem man vorübergegangen ist, sondern ein Tagstein auf der ausgetretenen Spur der Jahre und unabänderlich ein Teil von uns, in uns, schwer und gefährlich. Wir sind nicht nur müder wegen gestern, wir sind anders, nicht mehr, was wir waren vor dem Verhängnis des Gestern… Die Bestrebungen von gestern waren gültig für das gestrige Ich, nicht für das heutige. “

Aus:Proust, Essay von Samuel Beckett

Proust lesen Tag 139-Sodom und Gomorrha/Die Gefangene-Albertine und ihre Freundinnen

Kiel: Unterdessen ist Herbst geworden. Man kleidet sich in Übergangs oder Winterjacken, kratzt morgens das Eis vom Auto und zündet Kerzen an.

Es ist alles wie immer, die Eichelhäher krächzen, die Eichhörnchen sammeln, die Blätter trudeln langsam herunter.

Terezia Mora hat den Büchner Preis bekommen und sagt der Fisch stinke vom Kopf her. Ich wüsste gern etwas detaillierter worauf sie hinaus will. Sie ist eine meiner Lieblingschriftstellerinnen. Da sie auch Esterhazy erwähnt, lese ich in sein Bauchspeicheldrüsenbuch rein und google mir auf google street view die dazugehörigen Straßen. ESterhazy stehe im Verdacht linksliberal zu sein, schreibt sie und das es in Ungarn eine Tendenz gäbe, alles intellektuelle verdächtig zu finden (überspitzt von mir wiedergegeben). Ich hoffe, dass das Lesen selbst nicht irgendwann verdächtig wird.

Proust: Abreise aus Balbec. Marcel der sich eben noch von Albertine trennen wollte, ist zutiefst besorgt als er hört, dass sie mit der Vinteuil Tochter zu tun hat. Der Verdacht, dass Albertine lesbische Beziehungen unterhält, verhärtet sich. Dieses führt nicht dazu, dass Marcel sich trennt. Er verfällt in das Gegenteil. Albertine wird in Paris zunehmend überwacht. Marcels Misstrauen bringt das Feuer nicht zum Erlöschen sondern entzündet es.

Beide spielen ein Spiel mit doppelten Boden. Marcel gibt vor in eine andere Frau verliebt zu sein, Albertine schweigt über ihre Freundinnen. Seltsame Liebe

Politik: Angela Merkel tritt vom Parteivorsitz zurück.

In Brasilien wurde Bolsonaro zum Präsidenten gewählt.

 

 

Halle-Neustadt-Eine neue Stadt für neue Menschen-Städte machen Leute-Streifzüge durch eine Stadt-von guten und schlechten Gegenden

Kiel: Heute einen umfangreichen Artikel zum Thema „Gute Gegend, schlechte Gegend “ von Julius Heinrichs in den Kieler Nachrichten .gelesen. Es ging nicht um Stadtteile in Kiel oder Hamburg, sondern um Halle -Neustadt.

Im Artikel geht es um Nachbarschaftseffekte und darum wie Städtebauweisen den Menschen beeinflussen. Es ist aber nicht allein eine Frage der Plattenbauten, sonder eine Frage der Durchmischung, das ist meiner Meinung nach das was prägt.

Ich habe als Kind, gern im Block 444/4 gewohnt. Es war grün, Bronzeskulpturen auf denen man herumklettern konnte, Parks Spielplätze später Jugendclubs.

Es war mir Heimat, auf eine ganz andere Weise als das kleine Dorf in Mecklenburg in dem wir immer die Ferien verbrachten.

streichholz schachtel 056Oberhauptleiter war damals  (1966) Heiner Hinrichs, ein „jung in jeder Geste“ Mensch. Erklärtes Ziel: Wohnraum schaffen. „Als Hauptaufgabe der Organe des Stadtparlaments wird darin die „Schaffung“ von Voraussetzungen zur Gewährleistungen optimaler Bedingungen für die Reproduktion der menschlichen Arbeitskraft“ bezeichnet“.

Weiter: stellen wir fest, daß diese Stadt ihren Bürgern gute Wohn und Lebensbedingungen zugleich Voraussetzung dafür sind, daß die Bürger von Halle-Neustadt in Leuna, Buna oder wo auch immer sie arbeiten mögen, ausgezeichnete Arbeit leisten können.

Man überlegte, ob Schrebergärten und Kioske im Kommunismus überhaupt noch gebraucht würden, entschied sich dann aber doch eine Stadt für heute und nicht für morgen zu bauen.  Es wurde darüber gestritten, ob die Nummerierung der Häuser nicht eine Art Bronx erschaffen würde. Die Idee der Straßennamen setze sich erst nach der Wende durch.

Da allerdings sollte es zu spät sein und die in den sechzigern erbaute Stadt wurde dem Verfall überlassen. Wer konnte ging weg. Eine Stadt fiel aus allen Zahlen. Der Kiosk am Treff und der Südpark,auch zu sozialistischen Zeiten schon schwierige Gebiete, sind heute soziale Brennpunkte.

 

Halle-Neustadt vom Vorzeigeprojekt zur Bronx?

Zahlen zum Vergleich:

„Rund 70 000 Menschen werden 1973 in Halle-Neustadt wohnen, etwa 40 00 davon werden berufstätig sein,….Das Bildungsniveau dieser Bürger unserer Stadt ist heute bereits hoch.“ (1966)

Facharbeiter 35 Prozent

Fachschulabsolventen 17 Prozent

Hochschulabsolventen 18 Prozent

Arbeitslosenquote lag vermutlich bei 0

2018 : 4500 Einwohner

unter 30: 27,3 Prozent

über 65: 28, 4 Prozent

Ausländeranteil: 15 Prozent

Arbeitslosenquote 14 Prozent

Zitate aus  „Städte machen Leute“ Streifzüge durch eine neue Stadt

1969 Mitteldeutscher Verlag Halle

Autoren: Werner bräunig

Peter Gosse

Gerald Große

Jan Koplowitz

Sigrid Schmidt

Hans Jürgen Steinmann

Proust lesen-Bergfest

Haben mich die Aufräumarbeiten im Blog zweihundert Follower gekostet? Ich hoffe nicht, dass jede Änderung auf Facebook mitgeteilt wurde.

Was beim Sortieren klar wurde: So geht es nicht. Es ist schade Proust so zu lesen, in den ersten beiden Bänden ist mir ziemlich viel entgangen.

Ich bleibe dran, denn ich lese zunehmend mit Begeisterung. Aber Proust wird ab jetzt auf das Wochenende oder freie Phasen verlegt.

Proustlesen Tag 138-Sodom und Gomorrha-Cambremer gegen Verdurin-ein Verdacht fällt auf Albertine

 

Proust: Die Cambremers zerstreiten sich mit den Verdurins, weil Morel eine Einladung bei den Cambremers ablehnt. Madame Verdurin spinnt wieder Intrigen und hält Brichot mit Lügen ab: es würde bei Cambremers über ihn gespottet werden, dort hinzugehen.

Ein erster Verdacht fällt auf Albertine. Marcel wird zugetragen sie hätte merkwürdige Manieren, es ist vermutlich die Überleitung in den fünften Band. Und wieder Etymologien…..

Proust lesen Tag 137-Sodom und Gomorrha-Charlus und die Liebe zu Morel und von ausgesetzten Pubertieren, die in der Wildnis überlebten.

 

Der Himmel ist wolkenverhangen und trotzdem noch leicht. Draußen ist es kühl, aber die Sommerblumenmischung blüht noch immer. Eine Wespe verirrte sich im Badezimmer.

Proust: Nun erschließt sich mir, warum Charlus damals als er das erste Mal in der Recherche auftauchte, mit dem ruhelos dubiosen Blick eines Stasispitzels auftrat. Charlus lebt von der geheimnisvollen Aura und ist es gewohnt seine Spuren zu Liebhabern zu vertuschen. Etwas Lack ist ab, wenn man ihn mit der Erscheinung vom ersten Balbecaufenthalt vergleicht. Leicht verfettet, hinter der Schminke bleich und lange nicht mehr so souverän. Er schafft den Absprung bei Morel nicht, obwohl dieser hinterhältig, egoistisch, falsch und snobistisch ist. Wie damals schon Swann, der in der Liebe zu Odette jedes Maß verlor, spioniert Charlus Morel hinterher, göttliche Szene im Bordell. Mein Gott warum ist noch niemand auf die Idee gekommen, dass als Serie zu verfilmen. 

Um persönliche Statements gehts ja nicht so sehr, aber der offensichtlich im Niedergang begriffene Charlus ist meine Lieblingsfigur. 

Samstag im Oktober

Die Luft ist kalt und klar, über den  orange, gelb leuchtenden Baumkronen geht der sattgelbe Mond auf. Die Dämmerung verschluckt alle Farben. Das Feuer prasselt.

Proust am Morgen gelesen. Charlus und Morel, da werden Finten gelegt, Duelle angeordnet, es erinnert mich an diesen Roman „Was zu dir gehört“ von Garth Greenwell. Sugardaddy mit jungem gekauften Liebhaber, am Ende die Enttäuschung.dav

Gestern „Wir können auch anders “ von Detlev Buck gesehen. Mein Gott, was für ein herrlich schräger Film, mit pasolinischen Charakterkopfaufnahmen. Und dann noch das Ende am stillen Don. Mit dem Scholochowroman bin ich aufgewachsen, meine Mutter hat den Film immer wieder geschaut und das Buch war vom vielen Lesen am zerbröseln.

Heute dann mit „NVA“ weitergemacht.  Musil neben Proust im Spind, es ist die Luzius Keller Ausgabe die Leander Haußmann da eingebaut hat

Ein langsamer Tag, mit Fieber und Tom Waits Stimme, wäre ganz schön wenn das Immunsystem sich jetzt mal berappeln würde. Meine Güte, man muss sich ja nicht jeden Virus aufschnappen.

Was war noch? Einen sehr treffenden Text von Zaimoglu zu Kiel gelesen. Genau, so ist es nach Kiel zu ziehen.

 

 

Proust lesen Tag 136-Sodom und Gomorrha-Morel

Kiel: Hab es heute wie Proust gehalten und bin im Bett geblieben, weitesgehend. Es musste sein.

Ich versuche mich in Nebenlektüre „Asymetrie“, aber es wird tatsächlich immer schwieriger, neben der Recherche noch Gefallen an anderen Büchern zu finden.

Draußen krächzt eine Krähe, es dämmert bereits, Geruch von Holzfeuer. Spinnen die sich am Fenster abseilen, rötlicher Himmel, gelbe Blätter.

Proust: Morel scheint ein unehrlicher, opportunistischer Charakter mit einem „sinnlosen Grausamkeitsinstinkt“ zu sein, der Intrigen spinnt, Geld unterschlägt und für Geld alles tun würde.  

Charlus versucht ihn in die Geheimnisse des wahren Geschmacks einzuweihen und zelebriert das anhand einer Birnenbestellung. 

Proust lesen Tag 135-Sodom und Gomorrha-Charlus und Aimee

 

Proust:

Rückblende: Charlus wollte Aime, Aime merkte das aber nicht und fiel aus allen Wolken, als er von Charlus einen melancholischen Brief bekam.

Das Automobil lässt Entfernungen schrumpfen. Ich finde das schade, denn ich bange um die Langsamkeit, das Innehalten, das Gehen. Die Seele wird nicht mehr Schritt halten können mit den technischen Neuerungen.

Marcel hat den mut Madame Verdurin auszuladen.

Proust lesen Tag 134-Sodom und Gomorrha- Verdurins-Abreise

 

Todmüde aufgewacht, ich hatte vom Salon der Verdurins geträumt, der sich in einen Hamburger Stadtbezirk befand. Als Eintrittskarte sollte ich eine Lilie pflücken, ich fand aber keine.

Proust gelesen.

Die weiblichen Jugendlichen kreieren seit Tagen im Backwahn eine Game of Throne Dracheneitorte. Die Küche ist im Dauerbelagerungszustand.

 

Proust: Es ist kurz vor der Abreise. Madame Verdurin versucht ihre Getreuen bei der Stange zu halten, Charlus trinkt Erdbeerbrause und liefert sich einen Schlagabtausch mit Madame Verdurin. Sie unterliegt, natürlich.

Noch einmal betont Madame Verdurin die Erlesenheit ihres Kreises. Sie hat ein nahezu marktschreierisches Wesen, ihr Zynismus macht sie nicht sympathischer: Facebook und Twitter wären ihr Medium gewesen.

Ein Wetterumschwung kündigt sich an, Marcel hofft er möge auch einen Umschwung in seinem Leben mit sich bringen. Der kleine Clan reist ab. Marcel fährt zurück nach Balbec.

Innenpolitik: Bayern wählt.