Proust lesen Tag 118-Sodom und Gomorra

Marcel denkt an seine verstorbene Großmutter und sucht im Styx der Gedanken nach ihren Spuren.

Ich war viel im Internet unterwegs, hab auf einen Sturm gewartet der nicht kam, Maccaroni Cheese gekocht-weil wir nichts anderes da hatten und versucht die Kopfschmerzen auszuhalten. Lesen konnte ich so nicht. Deshalb ist der heutige Post so kurz und inhaltsleer. Der Vorort liegt wie verlassen, vor Kälte und Regen schlotternd. Nur ein Eichhörnchen lief über die Straße.

Später ging ich mit dem Gatten noch eine lange Hunderunde im Mondschein. Warm eingepackt erschien das Wetter nun nahezu mild, kein Mensch auf der Straße, ein Gulli rauschte. Es roch nach Feuerholz und Laub, windstill.

Im Hambacher forst wurde trotz Regen und Wind zu tausenden demonstriert und Maaßen bekommt jetzt doch nicht mehr Gehalt.

Vielen Dank für eure Kommentare! Ich antworte sobald der Kopf wieder frei ist.

 

 

Hambacher Forst- nächtliche Räumung

Gerade jetzt: nächtliche Räumung im Hambacher Forst

Seit etwa einer Stunde wird weiter geräumt. In der Dunkelheit, gegen die Baumbesetzer, für die Rodung des Waldes, für die Braunkohle, gegen das Klima.  Auch wenn der Braunkohleausstieg beschlossene Sache ist…. Waldspaziergänge sind ab morgen kriminell.

Es war 89 als ich in einem kleinem Heidelberger Kino saß, irgendwie über Ungarn hierhergelangt.

Es war die Verfilmung von Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.“ Ich war frisch verliebt in einen Medizinstudenten, der in seiner Kindheit nicht Lolek und Bolek oder Wolf und Hase gesehen hatte, vielmehr war er mit den Geschichten von Mary Poppins groß geworden. Aus dem Händchenhalten im dunklen Kino wurde nach und und nach ein panischer Händedruck.  Schwarz-Weiß Aufnahmen von Prag, Demonstrierende, Panzer, Schüsse.

„Martin was ist das?“  „Prager Frühling“, flüsterte er mir zu. Es war für mich kein Begriff.

Naivität?

Die Bilder vom Hambacher Forst wiederbeleben in mir jene damals gefühlte Ungläubigkeit und den Zorn, auch wenn man diese Ereignisse nicht vergleichen kann.

Eine Räumung die jetzt vor 40 Minuten in der Dunkelheit begann, feige. Es scheint egal zu sein, wieviele protestieren:  wirtschaftliche Interessen werden gewahrt.

Und? Wie erkläre ich das meinen Teenies? Werde ich sagen: aber das Recht war auf Seiten vonRWE, jahrzehntelanger Vertrag, Millionenentschädigung bei Vertragsbruch oder werde ich ihnen zurufen, geht auf die Bäume oder werde ich schweigen?

Wenn Waldspaziergänge verboten werden, wird Widerstand zur Pflicht-gerade irgendwo gelesen und als sehr gut befunden.

Protest

Proust lesen Tag 117-Sodom und Gomorra-Balbec

Kiel

Viel Fachliteratur gewälzt, später mit einer ehemaligen Kollegin telefoniert. Wir hatten zusammen die Zusatzausbildung gemacht, so bummelig vor fünfundzwanzig Jahren.

Ich schildere ihr ein fachliches Problem, für das sie wertvolle Tipps hat. Ich hätte mir einen Teil des Lesens sparen können.

Man ist Adler oder Frosch, sagt Vera F. Birkenbiehl. Ihren Vortrag höre ich, während ich Wäsche lege.

Proust: Es ist Ostern und Marcel reist wieder in Balbec an. Er kommt nun zu einem Ort, an dem die Gewohnheiten bereits gebildet sind. Im Gegensatz zum letzten Jahr ist es  eine Art nach Hause kommen. Der Chef des Hauses empfängt ihn ehrerbiertig und gibt ihm das Zimmer seiner Wahl.

Proust lesen Tag 116-Sodom und Gomorra- Albertine-Hambacher Forst

Kiel:

Trotz täglicher Kurkumamilch kam dann auch noch das Fieber.

Also, was macht man, wenn man eigentlich lieber arbeiten würde, aber gezwungen ist zu Hause zu bleiben? Ich begann den Tag mit Vera F. Birkenbiehl, die ich bis dahin noch nicht kannte. Danke Pia!

Ein ganz wunderbarer ironischer, weiser und neurobiologisch fundierter Vortrag über die Heilkraft der Positivität, vorgetragen in atemberaubender Geschwindigkeit und sprühendem Esprit. Etwas an ihrer Körpersprache irritierte mich. Später las ich: sie ist Asperger Autistin gewesen.

Ich beobachtete einen Ohrenkneifer, der eine Ameise unter die Fuge der Holztreppe schleppte.

Am Nachmitag sah ich mir Charlies Schokoladenfabrik auf englisch an. Der Humor Willi Wonkas liegt mir sehr.

Ein warmer Tag, spätsommerlich, aber viel bekam ich davon nicht mit.

Erst jetzt lese ich; ein junger Journalist kam im Hambacher Forst zu Tode. Was für eine bittere Nachricht.

Die Räumung wurde vorerst ausgesetzt.

Proust: Marcel und Albertine verstricken sich in Nähe und Distanzkämpfe.

Proust lesen Tag 115-Sodom und Gomorra

Mit einem Klacken fallen, die Eicheln vom Baum, eher springen sie. Junge Eichhörnchen  springen hinterher.  Es ist bereits recht warm als ich zur Arbeit gehe, später als sonst.

Libellen fliegen zusammen mit Wespen immer dicht über den Sand, als würden sie die Ritterburg observieren, die später ein paar Füßen zum Opfer fällt.

Die Erkältung hat auf mich übergegriffen, das Aspirin überdeckt die Halsschmerzen, aber nicht den Schnupfen.

Der Tag hat zu wenig Stunden.

Proust: Endlich hat Marcel die Soiree verlassen. Bei Francoise, die eilig die Schüsseln wegräumt (sie hatte nur ein paar Happen gegessen), fühle ich mich wohler.

Marcel erwartet Besuch, Albertine hat sich angekündigt.

Proust lesen Tag 114-Sodom und Gomorra

Kiel:

Es wird wieder warm und die spät ausgesäte Wildblumenmischung steht in voller Blüte.

Der Sommer gibt nicht auf. Hier sind alle erkältet mit trockenem Husten und Halsschmerzen. Die Arbeit macht im Moment besonders viel Freude, auch wenn sie mich fordert.

Schwebwespen sind unterwegs, überall blüht der Hornsauerklee.

Proust: Bei der Soiree wird Swann gemieden, weil er für Dreyfus ist, Saint Loup schwärmt von Bordellen.

Proust lesen Tag 113-Sodom und Gomorra-Nordart-Hambacher Forst

Kiel/ Rendsburg

gelesen, gelesen, gelesen: Proust und Goethe

Abends auf der NordArt gewesen.

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Julius zum Hambacher Forst: Ich verstehe nicht, wenn der Braunkohleausstieg beschlossene Sache ist, dass die noch roden müssen. 

Das ist doch richtig gut, dass die sich in den Baumhäusern für die Natur einsetzen. 

„Ich verstehe das auch nicht, sagte ich, und am liebsten würde ich sofort mitdemonstrieren aber das Gesetz ist auf Seiten der Polizei und RWE, leider. Und dann sehe ich die Bilder, brutale Übergriffe von fünf Polizisten auf eine junge Frau, das ist Irrsinn, verrückt  und es macht wütend. 

Karla zum System der DDR: „Wenn du das System für richtig gehalten hast, warum bist du dann geflohen?“ 

„Ich habe es lange für richtig gehalten, ich bin so erzogen worden Karla. Und die Idee einen neuen Menschen zu schaffen von außen, das funktioniert nicht. Irgendwann so mit 16, als ich begann zu arbeiten, habe ich gesehen mit welchen Mitteln gearbeitet wurde, Meinungsfreiheit, Staatssicherheit, Repression wenn man von der gewünschten Meinung abwich, blödsinnige Fünfjahrespläne, einseitige Information bzw. Desinformation, aber es gab auch wirklich viele Dinge die gut waren, bezahlbare Mieten, wenig Lohnunterschiede, Kindergärten, Bildung, Krankenversorgung. Ich halte dieses System in dem wir jetzt leben, in dem das Geld nahezu alles bestimmt, auch für äußerst fragwürdig. Es lohnt sich, sich über Gegenentwürfe Gedanken zu machen.

Man sieht der Film: Good Bye Lenin beschäftigt uns.

Proust: Auf der Soiree von Madame Guermantes. Man findet sich in den Lastern, zum Beispiel diesem: des stundenlangen Monologisierens. Proust nimmt hier Mechanismen aufs Korn, die man auch heutzutage vorfindet, nur das das alles natürlich in kleineren Rähmchen abläuft.

„Eine Dame der Gesellschaft aber hat nichts zu tun, und wenn sie im Figaro liest: „gestern haben der Fürst und die Fürstin von Guermantes eine große Soiree gegeben und so weiter“, ruft sie bestürzt: Wie! Vor drei Tagen erst habe ich eine stunde mit Marie-Gilbert gesprochen, und sie hat mir nichts davon gesagt!“ Dann zerbricht sie sich den , um herauszubekommen, was sie den Guermantes wohl angetan haben könnte.

Zur Lesetruktur: Ich werde mich nicht mehr an die zwanzig Seiten halten, sondern lesen bis eine Stelle auftaucht, bei der es mir Spaß macht sie zu verbloggen.

Proust lesen Tag 112-Sodom und Gomorra-Charlus

Proust: Ich bin beim nächsten Band angelangt. Der Gatte meint er würde mir nicht mehr folgen, denn es falle ihm einfach schwer zu verstehen wer mit wem zusammenhängt.

Natürlich lässt mich das zweifeln, ob ich so weitermache oder nicht.

In diesen ersten fünfzig Seiten des neuen Bandes gibt es ein klares Bekenntnis zur Homosexualität.  Charlus.

Kiel:

Kühler sonniger Tag mit klarer Luft und interessanten Kommunikationsfallen, alle behebbar. Endlich den Sauerteigansatz angesetzt.

Räumung im Hambacher Forst.

Gleich sehen wir unseren wöchentlichen Familienfilm. Ich war dran mit entscheiden. Wir sehen: Good Bye Lenin

Proust lesen Tag 111-Guermantes-einsamer Charlus-Köthen

Proust: Charlus macht Marcel ein Angebot, welches dieser nicht versteht. Er muss wirklich auf den Kopf gefallen sein. Man Marcel, das merkt doch ein Blinder mit Krückstock!  Die Szene kam mir bekannt vor. Und so war es denn auch. In die Schlöndorff Verfilmung von Proust reingesehen, Schlöndorff hat diese Szene wunderbar ins Bild gebracht. Charlus gebärdet sich mal wie ein Wahnsinniger, wie aus einem Shakespeare entsprungen, dann aber auch nah, ernst, maskenlos- er begehrt Marcel. Ich bin mir nicht sicher, ob es Marcel wirklich nicht verstand oder nicht verstehen wollte. Erst bei Schlöndorff habe ich Charlus zum Teil begriffen, der davon spricht, das man im Garten Fuchsien und Begonien pflegt und doch eigentlich nur  zur Kompensation der Einsamkeit, die der Suche nach dem Menschen entspringt der einem versteht, zu einem gehört.

Sie ging mir nah, diese Szene.

Es geht also weiter mit Proust. Mit Guermantes bin ich nun fast durch und irgendwann wird es in der Suche um den Zerfall der bestehenden Gesellschaft gehen, allein das lässt mich schon dranbleiben, aber eben auch diese Fähigkeit Prousts sich in die tiefsten Feinheiten der seelischen Landschaft einzufühlen und zu verstehen.

Kiel: Dieses linke Schulterblatt macht mich wahnsinnig, als Kassenpatient darf ich drei Wochen auf einen Orthopädentermin warten, was verhältnismässig gut ist, nur eben nicht mit den Schmerzen und meine Arbeit braucht ein funktionierendes Schulterblatt! Der Gatte brachte mir hochdosiertes Ibuprofen in der Pause, nur so kann ich beim Schuhe zubinden noch helfen.

Im Buchladen gewesen, was immer ein Fest ist, aber den Goethe (Wanderjahre) hatten sie nicht vorrätig. Im Stern die Rede von Köckert gelesen, die ich gestern bei Buzzfeed gesehen hatte, aber nicht verstand, weil die Tonqualität so schlecht war. Ein Aufruf zur Gewalt , Köthen als Bühne für die Rufe nach Widerstand. Was mich nervte war, dass in den Medien ausschließlich von Neonazis die Rede war, ja es waren mindestens 500, ohne auch die normalen Leute zu erwähnen, die auch dort waren. Beides gehört meiner Meinung in die Berichterstattung, die Neonazis, die Anderen, die Rede mit dem Aufruf zur Gewalt und der Androhung von Kellerverliesen für die „Flitzpiepen der Presse.“(Köckert)

Schwierig fand ich auch, dass relativ schnell bekanntgegeben wurde, dass das Opfer in Köthen einem Herzinfarkt erlag. Das ist richtig und juristisch sicherlich von Belang, aber es mildert doch nicht die Gewalt der Fußtritte gegen den Kopf  und wirkt somit auf mich wie eine Abmilderung. Die Berichterstattung empfand ich als einseitig, mal in die eine, mal in die andere Richtung lückenhaft und scheint tatsächlich sich eher dem zuzuwenden was die meisten Leserzahlen herbeischafft.

Schwierige Zeiten

Ansonsten: sonniger Tag, noch relativ warm, Wespen und Hornissen teilen sich den Garten. Die Bienenweidenblumen beginnen tatsächlich jetzt noch zu blühen. Karlas und Annas neue Schule ist toll. Karla sagte: „Wir lernen da nicht nur für den Kopf, sondern noch so viel mehr und irgendwie sind die Lehrer mehr bei uns-(im Sinne von näher an uns dran. )

Umfrage: Wie geht es euch eigentlich mit dem Proustprojekt? Langweilt es? Ist es schwierig, nicht selbst die Recherche lesend, einzutauchen? Ich überlege wie ich es in Zukunft weiter angehen lasse. Es gäbe ja auch die Möglichkeit ein Nebenproustblog aufzumachen.

Dieser Blogeintrag ist mit der heißen Nadel gestrickt, ich bitte das zu entschuldigen.

 

Momentaufnahme Sonntag

Im Moment werden hier im Haus hitzige politische Debatten geführt. Ich habe mir beim Einkochen, das linke Schulterblatt ruiniert. Die Bosköppe haben mich zum Invaliden gemacht. Ich wollte noch Apfel und Quittensirup einkochen, aber das muss ich nun vertagen. Dafür wird der Sauerteig angesetzt und gelesen.

Proust passt im Moment so gar nicht zu meiner Stimmung, ich weiß noch nicht wie ich damit umgehe. Im Moment lese ich Sahra Wagenknecht, Thilo Sarrazin und Goethe-die Wanderjahre. Sahra Wagenknecht ist die Neuentdeckung dieses Morgens, irgendwie war sie bisher komplett an mir vorbeigegangen. Von Goethe habe ich einiges gelesen, allerdings nicht den Wilhelm Meister und dieser ist ganz wunderbar. Einziger Nachteil, ich lese ihn digital, was ich wirklich nicht besonders mag, man kann nicht anstreichen und mir fehlt die Haptik, aber was solls die Buchläden haben zu und ich weiß nicht wen ich hier im Vorort fragen könnte.Zwischendurch streite ich mich mit dem Gatten, aber immerhin- es geht nicht mehr um Abfalleimer und Wäsche legen.

Und dann kommt Köthen in die Schlagzeilen…

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