Klassenfahrt ins KZ

Anna hat mit ihrer Klasse ein KZ besucht, eine Pflichtveranstaltung so las ich es in dem Artikel, den Wildgans im Kommentar verlinkte.

Als ich vor zwei Tagen in das Zimmer meiner ältesten Tochter trete,  faucht sie mich an: „Geh raus!“

„War schlimm?“

„Ja, was denkst du denn? und jetzt lass mich in Ruhe.“ Ich schließe die Tür.

Die Kommunikationslosigkeit in diesem Alter. Ich denke daran, wie es mir damals ging.

Etwas muss ich in meiner Kindheit oder Jugend über das Konzentrationslager gesehen oder gelesen haben, ab diesem Zeitraum träumte ich von Verfolgung und Deportation. Ich war etwa zwölf. Im Traum stand ich am Stacheldrahtzaun, sah mein Leben an mir vorüberziehen, das schöne und sorglose Leben, das nun vorbei war. Ich habe keinen jüdischen Hintergrund, „aber einen deutschen“,  um es mit den Worten Gerda Kazakous zu sagen.

Oft wachte ich nachts schweißüberströmt auf.  „Warum Papa? Wie kann der Mensch zu etwas fähig sein?“ Mein Vater mit einem immensen geschichtlichen und politischen Wissen, versuchte zu erklären. Die Leichenberge verhungerter Häftlinge konnte er mir nicht erklären. Der Schock saß tief.

Ich habe meinen Kindern versucht diesen Schock in dieser Form zu ersparen, aber man kann ihn nicht ersparen. Man darf ihn auch nicht ersparen. Und ich weiß nicht wann das richtige Alter dafür da ist, um das verdauen zu können.

Als ich vierzehn Jahre alt war fuhren wir mit der Klasse nach Buchenwald. Ich hatte anderes im Kopf, es berührte mich kaum oder ich wehrte es ab. Wie im Artikel beschrieben, ist ja auch kaum noch etwas zu sehen.

Ich hatte Anna gesagt, in deinem Alter hatte ich auch eine Klassenfahrt ins KZ. Aber erst in Ausschwitz habe ich geweint, und das Ausmaß bewusst begriffen. Ich habe ihr verschwiegen, dass ich Ausschwitz nicht geschafft habe, dass ich gerade noch bis zur Toilette kam, mich übergab. In Ausschwitz waren es die Kammern mit Brillen , Zahnbürsten und Schuhen die es für mich unaushaltbar machten.

Anna hat mit mir nicht darüber gesprochen, sie wird ihren Weg finden, damit umzugehen.

Unser Kater stirbt….

03000143Anna ist sauer: „Siebzig Euro für Zuckerwasserspritzen! “ Der Kater stirbt und sie macht damit noch Geld…Morgen gehen wir wieder zu unserem Tierarzt des Vertrauens Mama. Der würde sowas nie machen.“

Der Kater stirbt und wir wissen nicht woran.  Er der schüchterne aber kräftige und energiegeladener Kater mit den schönsten blauen Augen,  ist nur noch ein Häufchen Elend, sucht unsere Nähe. Man fand Luis damals noch als Babykitten auf den Straßen Spaniens. Er wuchs im Tierheim auf.

Nun liegt er  unterm dem Tannenbaum, schwach und ruhig. Wir haben Familienrat gehalten: gemeinsamer Beschluss, wir lassen ihn nicht einschläfern. Wir sind traurig. ER ist nur drei Jahre alt….

Sonntag im Januar auch lesend -„Drehtür“ von Katja Lange und Regen bringt …..

Morgens lange gelesen. Nachdem ich bei Sätze und Schätze  über eine neugierig machende Besprechung von „Drehtür“ stolperte, fiel mir ein, dass ebenjenes Buch ungelesen im Regal steht, Bestseller nicht verlängerbar. Die Bücherhallen warten bereits.

Es geht ums Helfen, um das Warum, um Entwicklungshilfe um genau zu sein. Ich wollte damals auch nach Nicaragua. Das war 89 und muss mit der östlichen Sozialisation zu tun gehabt haben, Tamara Bunke ist mir ebenfalls ein Begriff.  Der Roman scheint ein assoziativer Rückblick auf das eigene, aber auch fremde Leben zu sein. Ich verschwinde im Buch, ich mag es sehr,  bis ich erschrocken feststelle, dass Zeit zum Kochen ist. Ich suche ein Hörspiel heraus, die Gemüseverarbeitung langweilt mich. Bei diesem blauen Himmel geht Dostojewski nicht- zu schwer, zu düster. Die Suche gestaltet sich etwas schwierig, höre schließlich einen Abschnitt  aus „Der Suche nach der verlorenen Zeit“. Schneide Pastinaken, Möhren, Kartoffeln und rote Beete, während im Hause „Swann“ empfangen wird. Macht das Kunst aus, dass jene Geschichten so aktuell bleiben, zeitlos sind?

Es gibt Backkartoffeln mit Backgemüse, zwischendurch kutschiere ich Karla, hänge Wäsche auf, Geschirrspüler, das Übliche eben -nicht weiter erwähnenswerte. Bevor ich mich mit Ubu in die frostklare Luft begebe, schaue ich nach Stanisic. „Vor dem Fest“, (wunderbare Buchbesprechung bei literatourismus gefunden), das war ein Buch…Ich bete inständig, dass er bereits am Schreiben eines neuen Romanes ist. Vorerst begnüge ich mich mit piqd.

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Es gibt es noch, das Licht. „Kein anständiges Himmelblau“, bemerkt Karla kritisch, ich habe nichts auszusetzen.

Dieses hier ist nicht der Fluss, nein es ist der Wanderweg. Kniehoch steht das Wasser. Während Ubu auf seine alten Tage übermütig durch die Fluten jagt, trage ich Luna durch  die neue Seenlandschaft. Einige Fahrradfahrer bahnen sich mutig ihren Weg. Eine ältere Dame mit roten Schuhen fragt besorgt ob das Wasser noch tiefer würde. Ich weiß es nicht, hätte allerdings Angst im Modder stecken zu bleiben. Ich bin mal im Winter barfuß durch die Pfützen, um die Schuhe zu schützen. Die Kälte trieb mir die Tränen in die Augen, so heroisch war das. Den Rest des Tages hatte ich warme Füße. Trotzdem, wiederholt habe ich das nicht.  Ein junges Paar weicht auf die Wiesen aus, den Kinderwagen tragend.  An einer Pfütze bricht sich ein kleiner Junge mit leuchtenden Augen immer wieder Eisstücke heraus und wirft sie ins Wasser. Ein Vater bringt seinem Kind das Angeln bei.

 

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Ob ich den Elefanten von Dostojewski im Alltag bewältigt bekomme ist fraglich. Zu viele Unterbrechungen machen den Wiedereinstieg jedesmal schwer. Außerdem ist der nächste Geschirrspülgang schon durchgelaufen, eine Ladung Wäsche muss noch in die Waschmaschine, Karla muss eingesammelt werden. Vielleicht reicht die abendliche Konzentrationsfähigkeit dann gerade noch für den „Tatort“.

Apropo Film: Krause ist gut, aber Krüger sollte man sich trotzdem nicht antun. Mehr als seicht; leider. Da ist „Schultze gets the Blues“ aus anderem Holz geschnitzt.

 

Ulysses lesen und Alltag

„Oder war allein das möglich,

was sich auch wirklich begab? Webe, Weber des Winds.“

(Ulysses, James Joyce)

 

Der Arbeitsplatz ist eingerichtet. Der Sohn hat mir einen Schreibtisch und eine selbstgebaute Lampe gespendet, mit goldenem Innenschirm.  Ein schwarzer Tee, ein paar gebrannte Mandeln und so lese ich die ersten zwei Seiten des zweiten Kapitels zum zweiten Mal. Stephen hat keine Lust zu unterrichten. Er will Lernender sein nicht Lehrender. Zu satt sind ihm die Kinder, zu unmotiviert, er selbst scheint der Thematik auch nichts abgewinnen zu können. Es taucht Blake auf, Circe, Troja, Vico. Ich sammle die Puzzlestücke und lege sie beiseite.

Mit den Kindern im Kindergarten durch schlammige Wege gewatet. Es regnet seit Tagen. Sie sammeln Zauberkräuter, Baumrinden und glatte, runde Steine. Zweimal werden wir darauf angesprochen, wie wundervoll doch dieses Alter der Kinder ist. Es lief eine Sendung bei Vox: Die wunderbare Welt der Kinder. Als auch noch der Verkäufer am Fischstand, die Schillerlocke musste einfach sein, mich auf die Sendung ansprach, beschließe ich heute mal fernzusehen, ausnahmsweise.

Vorerst wate ich aber noch einmal mit den Hunden durch den Schlamm. „Zieh die neuen Schuhe nicht an Anna“, nicht hier im Vorort mit den unbefestigten Wegen.“ Anna war shoppen und will nun zur Freundin-zu Fuß. Der Fußweg  aber ist ein Bachlauf.  Sie zieht die neuen Schuhe trotzdem an. Letztlich lernt man durch Erfahrung. Ulysses lege ich für heute zur Seite und begebe mich in die wunderbare Welt der Kinder .Euch einen schönen Abend.

 

 

Der erste Weihnachtsfeiertag mit Concealer, der Misa Criolla, einer mutigen Predigt und Wildschwein

In Camphill in Aberdeen war die Weihnachtszeit besinnlich und dauerte bis zum sechsten Januar. In der kinderlosen Zeit begab man sich morgens in die Kapelle, um einen Vortrag zu hören , meist mit musikalischer Untermalung. Ich halte es für eine gute Idee dem Geist etwas Futter zu geben und widme mich nach dem Aufwachen den ersten beiden Briefen Schillers zur ästhetischen Erziehung. Der Gatte kam gestern spät, bummelig gegen 2.00 Uhr morgens und war nun seit 6.00 Uhr schon wieder weg.  Das Huhn liegt schwer im Magen, vielleicht ist es auch die Champignonsauce.

Die Pubertiermeute zartfühlend aus dem Bette geholt. Zieht euch ordentlich und sauber an, es geht zur Kirche. Vorher aber müssen die Hunde raus.

„Mama“, sagt Anna, “ du kannst ohne Concealer nicht raus. Du siehst aus wie ein Pandabär.“ Dabei hab ich keinen Tropfen Rotwein getrunken, früh geschlafen, nur zuviel gegessen.

„Ich weiß aber nicht wie man Concealer benutzt.“

„Du übermalst die Augenringe einfach.“

Ich bin mir nicht sicher ob ich jetzt statt grauer Schatten, hellbraune habe. Im Bulli lässt der Sohn seinen neuen Bluetooth Lautsprecher laufen…..

Erst in der Kirche wird es feierlich. Solisten, Chor und Musiker machen diesen Weihnachtsmorgen mit der Misa Criolla zu einem Fest. Der Pfarrer fragt in der Predigt , ob manche Christen in der satten Gemütlichkeit (er erwähnt auch Nationalismus) nicht vergessen hätten, dass Maria und Josef selbst auf der Flucht waren und das das Jesuskind nicht im Palast sondern in einem Stall geboren ward.

Nach dem Gottesdienst bekomme ich ein Wildschwein geschenkt, kein Ganzes, aber einen Teil! Ich habe nichts besseres zu tun, als es sofort in den Waldgruppenchat zu posten: Ich hab es, das Wildschwein! Da werden virtuell Messer und Gabel gewetzt.

Der Gatte hat mir Henssler geschenkt, auch nicht ganz, sondern in Buchformat. Der Sohn und ich hatten uns mal Streetfood in Hamburg gekauft. Es waren so unglaublich leckere Fisch und Chips , dass wir noch Tage später davon schwärmten. Vielleicht hat Henssler ja auch ein Wildschweinrezept.

Am Ende habe ich hier zu Hause den Bluetoothlautsprecher des Sohnes in Betrieb genommen und Marianne Faithfull , später die Misa gehört, während ich putzte.

Eine Whats App kommt an. Ich höre ab. Durch das ganze Haus schallt es. „Wir sind in Quarantäne.“ Arme Lina, aber wie kappe ich die Verbindung vom Lautsprecher zum Handy? Bluetooth und Concealer, zu viele neue Dinge an diesem Tag….

Nun ist die Gans im Ofen, dazu gibts Backkartoffeln und Rotkohl.

 

Euch noch einen schönen 1. Weihnachtsfeiertagabend.

 

Hirsch Hannes ist verschwunden oder als Karla einen flüchtigen Hirsch ertappte

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„Mama?“ Heute hab ich was komisches erlebt. Wir waren mit der Klasse im Tiergehege. Da war so ein junger Hirsch, der war total crazy. Ist immer hin und her gesprungen und dann mit Anlauf über den Zaun. Er ist am Stacheldraht hängengeblieben und gestürzt. Jetzt mach ich mir Sorgen. Kannst du vielleicht den Förster anrufen?“

Der Zug fährt schwankend, draußen ist es dunkel. “ Der ist aus dem Gehege raus? „

„Ja sag ich doch!“

„Warum hast du nicht deine Klassenlehrerin informiert? Ihr hättet den Förster sofort anrufen können.“

„Sie hat uns nicht so richtig geglaubt.

Mama, ich mach mir Sorgen um Jumper. “

Irgendwann liegt sie nach der Zugfahrt gähnend in ihrem Bett. „Versprichst du mir dich drum zu kümmern? Was wenn er sich verletzt hat?“ Ich verspreche es mit hochheiligen Ehrenwort.

Morgens schlage ich die Zeitung auf und lese: Die Junghirsche wurden extra von Nordrhein-Westfalen importiert um in den Kieler Tiergehegen für frisches Blut zu sorgen. Offensichtlich hatte Hirsch Hannes Heimweh. KN Online

Vor dem Frühdienst rufe ich im Forstamt an. „Ja, sagt der Förster, unser Hannes. Sie können ihre Tochter beruhigen. Er ist nicht verletzt, aber er braucht jetzt sehr viel Ruhe um sich einzugewöhnen. Vielen Dank noch einmal an den Förster, der sich die Mühe machte zurückzurufen.

Karla ist beruhigt. “ Man kann es verstehen“, sagt sie, „bestimmt hatte er Heimweh.“

Mittwochmorgen

Morgens dem Sohne „Die Bürgschaft“ von Schiller vorgelesen.

Es ergab sich so.

„Er hat also Beide leben lassen?“

„Und er wollte in den Freundesbund aufgenommen werden. Die Treue hat ihn beeindruckt.“

„Wer will schon einen Tyrannen zum Freund und außerdem muss ich jetzt los, letzter Schultag!“

Ich lese Klemperers Tagebücher. Eine minutiöse, genaue Aufzeichnung des beginnenden nationalistischen Wahnsinns. Immer wieder schreibt er: Stille, Angst, Druck-niemand wehrt sich. Es ist der Wahnsinn der greift, wenn man meint, die allgemeingültige Wahrheit zu haben. Der Mensch ist in erster Linie Mensch mit der Ressource des Denkens und eines freien Willen. Lese auch Schiller um mich von der Schwere der Tagebücher zu erholen.

Liebe Anna (mit dem sehr lesenswerten Blog Buchpost ) vielen Dank für dein Bücherpäckchen. Ich freue mich sehr. Euch allen einen schönen Tag.