Amsel pfeift im Kontergesang „Believer“ von Imagine Dragons von den Dächern

Julius spielt in den lauen Frühlingssommerwind „Believer“. Ich lese an die Wand des Wohnwagends gelehnt“Eileen“. In die Saxophonklänge mischen sich plötzlich in den Refrain sanfte Flötentöne.  Erst halte ich es für einen Zufall, bis die Amsel immer wieder den Refrain begleitet. Eine Amsel im Duett mit meinem Sohn. Ich staune.

Momente des Tages-Balletthiphop

 

Karla(12) sieht Polina Semionova auf Youtube klassisch tanzen und sagt: sie ist eigentlich ein Balletthiphoptyp. Irgendwie verbindet sie verschiedene Schulen.“

Julius( 13) als ich ihm meine neue Übergangsjacke zeige: „Das ist ein Quetschmantel, Mama.“

Anna:  (15) Ich bin in der Pubertät, ich darf das.

An der Kasse bei Edeka:

Ich: Sie sind zu schnell für mich.

Kassiererin: Für den Chef ist es nie schnell genug.

„Die grünen Bonbons mag ich nicht, das ist so eine ekelhafte Mischung zwischen Schärfe und abgestandener Süsse.“ (Karla)

Sonntag -„Gehopse und Geschosse“

Angelika Klüssendorfs „Jahre später“-ein Buch wie ein Geschoss. Die Einteilung von Persönlichkeitstypen in Gehopse und Geschosse ist so treffsicher wie jede andere Beschreibung in diesem Roman. „Ein weiblicher Max Frisch“, sage ich zum Gatten. Kein Wort zu viel, schnörkellos, genau und zeitweise brachial im lakonischem Tonfall, aber auch behutsam.

Erzeugen bestimmte Umstände ähnlich innere Zustände? Lege das Buch nachts nicht mehr aus der Hand. Atemloses Lesen. Der nächste Morgen ein Sonntag, glücklicherweise.

Frühlingstage, Verheißung vom Werden, fast unerträglich. Sonnensatte Stunden, wir grillen auf der Dachterrasse, blicken auf die menschenleeren Strassen des Vororts. Julius hat einen Flaschenzug gebaut mit dem er die Grillwurst nach oben befördert. „Ich will diesen Galgen nicht auf der Dachterrasse“, sage ich, werde von der Gruppe halbwüchsiger aber ignoriert. Anna schickt Fotos aus Portugal, die Whats App Nachrichten werden per Lautsprecher übertragen, ihre Stimme leicht wie der Gesang einer Lerche fliegt durch die abendliche Dämmerung.

Angst vor der letzten Seite dieses Buches.

 

 

 

Ostermontag- Was zu Dir gehört/Greenwell

Eine zeitlang hatte meine Hand über dem Büchertisch gekreist, zog dann eine Linie zwischen Knausgards „Im Frühling“ und Greenwells „Was zu Dir gehört“, verharrte eine Weile im Unentschieden, um sich kurze Zeit später Greenwell zu greifen.

Es sind die ersten Sätze die entscheiden und Greenwell bestach sofort mit sprachlicher Schönheit und Melancholie. Eine Introspektion. Eine Geschichte über vermeintliche Liebe die käuflich erworben, keine Liebe sein kann. Eine Geschichte über unterschiedliche Chancen im Leben, Ausgangspositionen: Hier der Amerikaner der ein relativ gutes Leben in Sofia führt und dort Mitko der mit zwanzig Jahren bereits am Ende seines Lebens angekommen ist, seinen Körper verkauft weil andere Jobs nicht zu haben sind. Eine tiefe Hoffnungslosigkeit und Melancholie.Und eine lyrische Sprachkraft die der Dramatik den Stachel zieht.

Verwunderung löst in mir aus, dass dieser Roman mit Hanya Yanagihara „Ein wenig Leben“ verglichen wird, bis auf die Thematik der Homosexualität, haben diese Romane meiner Meinung nach nicht viel gemeinsam. Garth Greenwells Roman ist komplex, vielschichtig, ein Kunstwerk.

Ich habe lange keine Rezensionen mehr geschrieben, als könne sich das ungeübte Bewusstsein nicht Aufraffen klare Urteile zu treffen. So bleibt es bei einem Kurzabriss eines Leseeindrucks.

Jetzt stehe ich wieder ohne Buch da an diesem merkwürdig ruhigen Ostermontag, an dem der Gatte zur Arbeit gegangen ist und ich bis elf Uhr ausschlief. Überreste des Winters am Straßenrand, erste Krokusse, im Wäldchen lärmen Kleiber und Eichelhäher um die Wette, während die Spechte ihre temporären Behausungen bauen. Kahle Bäume mit ersten Knospen. Die Nachbarn sind im Vorgarten, während ich beschliesse mit dem Kochen zu beginnen, vielleicht fahre ich später noch zur Bahnhofsbuchhandlung um Knausgard zu lesen.

 

Donnerstag-das eigene Lied

Geträumt: eine junge Frau mit langen roten Locken war zu unserer Gruppe dazugestossen. Sie sollte ein Solo singen, ihr eigenes Lied. Verwirrt sah sie die Noten an. „Ich kann es nicht entziffern“. Note für Note summt sie vor sich hin, die Töne wurden lauter, die Stimme sicherer. Als die tiefe dunkle Altstimme den Soul heraussetzte voller Stimmkraft und Wärme, der Song den Raum erfüllte, weckte mich das Getrappel der Hunde. 6.45 Uhr….Sch….

In fünfzehn Minuten muss ich bei der Arbeit sein. Turbomodus. Schneidender Ostwind. Später gefilzt und mit den Kids den Winter ausgetrieben. Mit selbstgebastelten Schellen wurde gelärmt. Der Falke scheint sein Jagdrevier hier zu haben. Erschrocken hebt er ab. “ Nein kein Falke, ein Bussard“, so sieht es der Kollege, der Birkenrinde für das nächste Lagerfeuer sucht. Später die Geschichte vom Pfannkuchen erzählt. Mit großen Augen lauschen die Kinder. Ach die Eitelkeit wird ihm zum Verhängnis….

Jetzt zu Hause und der Wind wirft sich gegen die Wände.

„Man glaubt es nicht, wie gut wir uns verstehen,

Der Wind und ich. Schon seit geraumer Zeit.

Ihn kann man traun. Er hat schon viel gesehen.

Er kennt die Welt und weiß Bescheid.“

 

(Mascha Kaleko/Kleine zwischenbilanz)

Mit Hölderlin im Supermarkt-Blogbeitrag 2016

Ich packte den Einkauf ein, als ich hörte wie der Kassierer an der Nachbarkasse über einen Stadtteil lästerte. Einem Stadtteil in dem die Kinder adipöser, die Zähne schlechter sind, die Bildung niedriger ist, statistisch gesehen. Mit Arroganz ließ er vernehmen , warum er dort im Supermarkt niemals arbeiten könne.

Ich weiß nicht mehr ob es der Tonfall , der Gesichtsausdruck oder Beides war was mich ärgerte. Kurz überlegte ich mich zu äußern, ließ es dann aber.

Karla war beim Ballett. Später müssten wir  ohnehin durch den Einkaufsmarkt, um zum Parkplatz zu gelangen.

Karla wie immer freudig nach dem Training, hörte mir aufmerksam zu als ich sie fragte: Hast du kurz Lust Straßentheater zu spielen?

Klar Mama.

Wenn wir an der Kasse stehen, nah genug am Kassierer, stoße ich dich mit dem Ellenbogen an. Du fragst mich dann : Mama ist Hölderlin eigentlich schon lange tot? Den Rest improvisieren wir. Ich erklär dir später wozu.

Gesagt, getan. Das vereinbarte Zeichen erfolgte, Karla fragte:

Mama ist Hölderlin eigentlich schon lange tot?

Ja, Karla, aber was er geschrieben hat ist immer noch sehr aktuell.

Vielleicht solltest du aber erst die griechische Mythologie lesen.

Karla die mittlerweile improvisiert: Ach das mit Zeus und so, das liest Anna gerade-Helden des Olymp!

Richtig Karla und jetzt fahren wir schnell nach Hause in unseren Stadtteil K.  Da wohnen wir richtig gerne oder? Der ist so bunt und multikulturell. (Wir wohnen ländlich, von multikulti keine Spur, aber das musste ich dem Kassierer ja nicht auf die Nase binden)

Genau , sagt Karla und lächelt mit blitzenden Augen.

Das nächste Mal kaufen wir unsere Sachen lieber in K. ein. Der Kassierer mit rotem Gesicht scannt Tick-Tacks.

Weißt du Karla, was ich dir schon immer mal sagen wollte. Eine wichtige Lektion im Leben ist, nicht zu glauben das man besser wäre , klüger oder so, weil man in einem vermeintlich besseren Stadtteil wohnt oder arbeitet. Sich über andere zu erheben ist immer dumm.

Der Kassierer schaut uns nicht an, als er das Wechselgeld herausgibt. Karla und ich verlassen den Supermarkt prustend.