Proust lesen Tag 106-Guermantes-noch immer Salon

Hamburg:

Überall Straßenmusiker/innen mit teilweise fantastischen Stimmen. Ich wanderte die Hafencity entlang, wie auch schon im letzten Jahr. Es ist seltsam einen Ort, ein Jahr später wieder zu besuchen, der dann die ihn gespeicherten Erinnerungen wieder freigibt.

dav

IMG_20180831_190520.jpg

In den Bücherhallen Bücher gejagt, einem kleinen dunkelhäutigen Mädchen beim tanzen zugeschaut, aus dem Cafe kam Applaus und immer wieder diese Hamburgatmosphäre in mich aufgesogen. Ich liebe diese Stadt.

Gegen Zehn war ich zu Hause, fütterte die Katzen, ging mit den Hunden Gassi, fütterte die Hunde und dann todmüde, las ich Proust. Das dabei nicht viel herauskommen kann ist klar.

Proust: Noch immer im Salon von Oriane, wird sich unter anderem geistreich über Victor Hugo und Balzac unterhalten und darüber ob Literatur denn unbedingt das Hässliche in sich sich aufnehmen müsse, dass Leben sei doch schon grausam genug.

Proust lesen Tag 72-Guermantes-erneut bei der Berma

Proust: Der Stand des Adels, der Stand des Großbürgertums, der Stand des Kleinbürgertums….das Proletariat findet kaum Erwähnung.

Und immer ist da dieses Aufschauen, sich Hinsehnen zur adligen Gesellschaft.

Nicht meins, da geht es mir wie Jochen Schmidt, mich haben Prinzessinen und Co auch nie interessiert. Möge der dritte Band nicht allein davon handeln.

Marcel ist wieder bei der Berma, die innerhalb eines Galaabends auftritt. Aber ihm ist die Unschuld abhanden gekommen. Er kann nicht mehr unvoreingenommen sehen, schon gar nicht wenn die Sitznachbarin, im übrigen eine erfolglose Schauspielerin, gehässig meint, die Berma solle aufhören, die sei zu alt. Das Staunen ist verlernt.

Laut Anhang ist mir hier etwas entscheidendes entgangen, denn das Publikum spielt ebenfalls ein Theaterstück und mutiert zu Unterwasserwesen. Luzius Keller verweist auf dieses Meisterstück.

Kiel: Ein so müder Tag, dieser letzte Urlaubstag. Die Melancholie fiel mich an wie ein durstiges Raubtier. Dürre. Wo kommst du denn jetzt her? Aber vielleicht zahlte ich heute auch nur die Zeche, für zwei durchwachte Nächte.

Mit dem Sohn baute ich aus einer alten Holztruhe ein Hochbeet. Wir klopften, hämmerten und bohrten. Eine riesige Blumenlaterne einst von der Kieler Woche/Krusenkoppel ersteigert, wurde des Maschendrahts entledigt, der nun in seiner neuen Funktion, die Wühlmäuse abhalten soll.

Brombeeren gepflückt, ein guter Jahrgang, schwer und süß, kündet er vom Herbst der unweigerlich kommen wird.

Der Gatte weilte wieder mit dem Pubertier in Hamburg.

Die Melancholie hatte mich heute fest im Griff. Ein guter Tag, um „Wanja und die wilden Hunde“ zu lesen und sich weit weg in entlegenes Dorf in Russsland zu wünschen.

Proust lesen Tag 64-Im Schatten junger Mädchenblüte-Erster Aufenthalt in Balbec-Albertine

„Da es sich nicht um Damen handelt, sondern um „Dirnen aus dem Volk“, kündigt sich hier die Herrschaft eines neuen Menschentypus an, für den die aristokratische oder intellektuelle Welt zwar Verachtung zeigen kann, von dem sie aber hinweggefegt oder ignoriert wird, was dasselbe ist. Die Unterschichtsgrazien sind nicht mehr nur Anhängsel der Reichen oder solcher Leute wie Bloch, sondern souveräne Herrscherinnen.“ (Jochen Schmidt, Schmidt liest Proust).

Ein Schönheitsfleck auf dem Gesicht Albertines, der mal hier und da auftaucht. Für Marcel ist Albertine eine „radfahrende Bachantin“, „orgiastische Muse des Golfspiels“, die immer wieder auf neue Weise wirkt. Heute ein geröteter Fleck auf ihrer Schläfe, den Marcel als nicht besonders schön empfindet, eine unvermutete Schüchternheit, „eher befangen als erbarmungslos.“

Die Albertine vom Strand gibt es nicht, sie ist frei erfunden, ihr versprach er ihre Liebe. Nun fühlt sich der junge Mann verpflichtet, das Versprechen aufrecht zu erhalten, nun aber eben mit dem stellvertretenden Teil der wirklichen Albertine. Naja, und immerhin gibt es einen Ausweg. Wenn schon nicht Albertine seinen Vorstellungen entspricht, dann könnte er doch den Rest der kleinen Schar etwas näher kennenlernen.

Und die kleine Schar, in anderen Übersetzungen die kleine Bande, muss es in sich haben. Wohlerzogene Mädchen dürfen sich im Kasino nicht aufhalten, weil sie womöglich sich dort von „braungebrannten Jungfrauen“ unangemessene Verhaltensweisen abschauen könnten.

Kiel

Was für eine Hitze. Ich reibe die Katzen mit Wasser ab um eine möglichst krosse Kruste zu erhalten. „Mein Gott, warum lasst ihr euch denn freiwillig braten?“ Näpfe und Teller mit

dav

Wasser, auch die Pflanzen werden morgens gegen 6.00 Uhr gegossen. Nächste woche sollen die Temperaturen auf 35 Grad ansteigen.

Den Tag mehrheitlich mit Proust verbracht. Die Begleitlektüre von J.S. Tomas eröffnet neue Räume.

Abends mit Sina beim Bootshafensommer gewesen. Ich fuhr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, weil meine ganze nicht vorhandene Muskulatur streikte, die gestrigen 36 km Fahrradtour waren wohl zuviel. Sina will wieder nach Berlin. „Die Kinder sind groß. Was soll ich noch hier?“ Ist es wirklich so, dass wenn man an dem Platz an dem man ist nicht glücklich ist, man nirgendwo glücklich wird. Oder stimmt das nur bedingt?

Am intensivsten war für mich die Zeit des Herumreisens ( Kinder und Familie ausgenommen), nachts in Antibes am Strand, Genua, Nizza, Kephalonia, Santorin, Prag, Budapest, Sopron, Palermo. Ein halbes Jahr sah ich mir all die Orte an, von denen ich nie gedacht hatte sie einmal sehen zu können. Ich reiste allein, nahezu ohne Geld.Vielleicht war das die einzige Zeit, in der ich wirklich intensiv wahrnahm. (Kinder und Familie ausgenommen)

Zurück zu Kiel

Ich kenne Kiel selten von dieser Seite, locker, flippig, leicht. Selbst die Punkrockmusik machte Spaß. Diese lebendige, unkonventionelle Seite erlebe ich sonst nur in Hamburg (weiter reicht mein Radius nicht). Aber das hat mit Kiel wohl wenig zu tun, sondern mit dem fremden oder gewohnten Blick mit dem man einer Stadt begegnet.

Proust lesen-Tag 33-Im Schatten junger Mädchenblüte-Norpois

Kiel/Hamburg

Morgens in einem Artikel einer online Zeitung gelesen, darüber das Krankenhäuser nicht mehr moralischen Grundsätzen unterliegen, sondern überwiegend den Gesetzen des freien Marktes gehorchen. „Man darf den Markt nicht sich selbst überlassen, sagte K. gestern.

Ein Todesfall in der Familie, dem dieser Artikel wie auf dem Leib geschrieben ist, hinterlässt uns trauernd.

Altona in schwüler Wärme,  im Cafe mit den angebundenen Büchern lese ich „Macht“ von Duve und später ein Buch über Sterblichkeit und Medizin..

Recherche:

Man spricht von der Veranlagung zur Literatur, als sei es eine Anlage zum Rheumatismus. „Davon stirbt man nicht“.

Norpois, ehemaliger Diplomat,  erzählt vom Sohn einer befreundeten Familie, deren Sohn ähnlich angepasst sei wie Marcel. Trotz allem habe er seine gute Stellung im Außenministerium gekündigt, um seinen schriftstellerischen Neigungen nachzugehen. Man will nicht wissen was Marcels Eltern von dieser Ermunterung hielten.

Immerhin schrieb dieser eigenwillige Sohn ein Buch: über „Repetiergewehre in der bulgarischen Armee“ und „dem Gefühl der Unendlichkeit am östlichen Ufer des Victoria Nyanza Sees.“

Weiterhin redet man ästhetisch über Börsenwerte, Kirchen, Politik, Madame Swann , Balbec und die Berma, während neben dem Bouf Gelee, auch Ananas Trüffelsalat und Pudding a la Nesselrode serviert wird. Marcels Mutter erschauert, als Norpois zugibt bei Madame Swann zum abendessen gewesen zu sein.

Marcel erhofft sich Antwort auf seine drängende Frage; was in aller Welt die Welt an der Berma findet.

Norpois sitzt „mit der Lässigkeit eines Orchestermitgliedes „und“ hat seine Gesichtsmuskeln zur Unabhängigkeit erzogen.“

Mit maliziösem Lächeln, hält er Balbec für einen netten Urlaubsort mit niedlichen Villen, die Berma für schlau genug die richtigen Rollen zu wählen und zeigt sich belustigt darüber, das Swann der sich eins in besten Kreisen bewegte nun dem Kabinettsdirektor vom Postministerium überschwenglich für sein Kommen dankt.

 

Proust lesen Tag 27-In Swanns Welt-S.480-500

Hamburg

„Jedesmal, wenn sie ein Weilchen fort war, fühlte Swann, daß er anfing, sich von ihr zu lösen…“

Endlich ist der Moment da. Entweder beginnt der Sturm sich in in Swann selbst zu legen oder er ist ausgebrannt. Vielleicht ist es auch der Moment, an dem er eine Freundin trifft, die ihm von Odette erzählt. Odette würde immer von ihm reden, immer an ihn denken.  Swann beginnt ganz langsam loszulassen, verspürt öfter keinen Schmerz mehr, die Liebe entfernt sich langsam. Zu viele Blessuren, zu viel Leid, vielleicht auch will er das Erreichbare nicht.

“ Du hast die „Recherche“ gelesen!“ In einem gemütlichen Cafe in Hamburg, in dem es Bücher an der Leine gibt, halte ich mich an meiner tiefdunklen Schokolade fest. „Sag schon, wie endet es mit Odette?“

Yulia wirft ihr blauschwarzes Haar nach hinten.

„Es ist zu lange her und ich habs auf japanisch gelesen. Außerdem will ich dir das nicht verraten.“  „Lies selbst.“In Hamburg trägt die Ü70 Generation blaue Filzdreadlocks und draußen spielt einer Klavier. „Was ist  denn die Recherche?“ fragt Sina, während sie in einem angeleinten Buch blättert.   Ich erzähle etwas von nicht gegebenen Gutenachtküssen, in Tee eingeweichten Gebäckstücken, Symbiose und Abhängigkeit.

Weitere Themen unseres Cafestündchens: Was machen Ballettmütter ohne Ballett oder wie gelingt Loslassen und Aufbruch in etwas Neues. Es war ein Tag an dem ich viel sah, eigenwillige Alte, Tränen einer Mutter, Zorn, Depression, Stagnation und Gelassenheit. 

Ich würde mich gern für Gelassenheit entscheiden, es Swann gleichtun und loslassen.

 

 

 

Proust lesen Tag 18-In Swanns Welt S.340-360

Hamburg -Altona

Verhaltenskodex im Salon Verdurin. Wer es wagt klüger und geschmackvoller, zudem weniger heuchlerisch zu sein……

Nein heute gibt es keine Zusammenfassung, denn für meine Begriffe ist auf zwanzig Seiten nichts passiert. Salongeschwätz, Stammtischkalauer….

In Hamburg mit Yulia und Lilli im Cafe gewesen.

Später auf der Rückfahrt erzählt ein Mann etwas Mitte Siebzig: Ich lebe mit meiner Freundin im Wechselmodell. Sie ist Kielerin und Meeresbiologin, ich bin Archäologe. Sie wohnen siebenhundert Kilometer getrennt. Sie können ihre Städte nicht verlassen: Sie braucht ihre Bibliothek und ich meine. Also leben wir zwei Wochen in Kiel und zwei Wochen in Mannheim , immer im Wechsel.  Am Bahnhof fallen sich die Freundin und er in die Arme. Sie sind in etwa gleich alt.  

Nachtrag: An diesem Tag wurde die Leiche des vierzehnjährigen vermissten Mädchens gefunden. Eine furchtbare Tat, die wütend macht und Deutschland weiter spalten wird.

 

 

 

Proust lesen Tag 5-In Swanns Welt S. 80-100

 

Über viele, viele Seiten wird die Kirche von Combray beschrieben. Unterhaltsamer finde ich die Darstellungen über das was unbekannte Personen oder Hunde im Dorfe auslösen. Ein unbekannter Hund und Francoise wird sofort zum einkaufen losgeschickt. Kenn ich auch irgendwoher.

Satz des Tages: „Versuch immer ein Stück Himmel über deinem Leben zu haben, mein Kind, fügte er zu mir gewandt hinzu. Du hast eine reiche Seele, das ist eine Seltenheit, eine Künstlernatur; laß sie nicht darben an dem, was sie braucht.“

 

Proust beschreibt akribisch die Kopfbedeckung der Bediensteten Francoise. Die Haube, denke ich, kommt mir bekannt vor…..ann weiß ich wo ich diese schon mal sah-bei der Bediensteten( brillant dargestellt) aus einem Musical. Ich versuche diese Verbindung zu kappen, aber ehe ich mich versehe hat Francoise nicht nur die Haube von Mrs. X. auf, sondern auch deren rauchige Stimme, deren Temperament-überhaupt verschmelzen sie zu einem Wesen. Damit wird zumindest diese Figur im Roman für mich plastisch, greifbar. Ich frage mich ob es statthaft ist diesen Charakter in Proust einzubauen. Eine gewagte Verbindung, doch durch ihn erwacht Proust für mich zum Leben. Seis drum.

Tag am Meer mit Möwen, Himmelblau, Wind und Wasser.

nor

Später , Zuhause finde ich mein Zimmer belagert, Saxophonunterricht, ich bin so müde dass ich Zuflucht im Wohnwagen suche und sofort einschlafe.

Karla singt seit Stunden diesen Cranberriessong Zombie und übt Growling in ohrenbetäubender Lautstärke. Ich flehe um Gnade, aber das Kind will es können und growlt weiter.

 

 

 

 

Proust lesen Tag 4 -In Swanns Welt S.60-80

Zug nach Hamburg/

Anhand eines Stückchen Madeleine, versinkt Proust in einem Erinnerungsflashback, ähnlich ( in der Intensität, aber positiv)  einer traumabedingten Erinnerung, die man lebt wenn sie aufsteigt. Er versucht an dieses Erlebnis anzuknüpfen. Jochen Schmidt vermutet, dass jene Erinnerung vermutlich das ganze nächste Kapitel, bzw. die ganzen sieben Bände gebiert.

Weiterhin eine kranke Tante, die ausschließlich liegt und das Leben am Fenster liegend an sich vorbeiziehen lässt. Hypochondrie als Zeitvertreib.

Leider habe ich die zwanzig Seiten nur oberflächlich gelesen, Proust im Zug erscheint mir schwierig, jedenfalls für mich. Jochen Schmidt lese ich immer erst nach der Pflichtlektüre, um zu vermeiden versehentlich zu kopieren. Es muss genügen seine Vorgehensweise (Schmidt liest Proust),  1:1 abzukupfern.

Ein Tag am Meer liegt vor mir. Es ist nicht Balbec, aber dennoch nicht weniger spannend.

Hamburgtag

In Altona flirrt das Leben. Genieße es in der Menge abzutauchen, erkunde die Bücherhallen im Mercado, durchstreife die Seitengassen, trinke Cappucino, schaue in die ausgeliehenen Bücher. Ich bräuchte mal etwas schwerelosere Literatur. Die Themen Narzissmus und Traumata ( in der Bibliothek bearbeitet)  heitern mich nicht gerade auf. Ich habe einen Konflikt mit unzureichenden Mitteln gelöst, nun liegt er mir im Magen. Zwischendurch whats apped die Freundin: “ Wollen wir am Wochenende in die Künstlerkolonie? Es gibt ein Fest.“

Schreibe dem Gatten: „Kann ich weg am Wochende? Hamburgtag decke ich ab.“

Später an die Freundin: „Klappt“

Altona ist toll, schrill, bunt, lebendig. Zum Glück hab ich auch George Sand ausgeliehen, weil die Mutter in der „Suche“ nachts dem Kind George Sand vorliest.

George Sand ist Premiere für mich: „Seßhaft aus Pflichtgefühl, glaubst du mein lieber Francoise, daß ich, vom stolzen und eigensinnigen Lieblingsgedanken der Unabhängigkeit hingerissen…“ Das könnte was werden. Da die Zweigstelle außer „Mallorca“ nichts von George Sand vorrätig hat, vertage ich es auf die Kieler Bibliothek.

Erst spät am Abend schlage ich wieder im Vorort auf, noch ist es warm, Duft von Flieder.