Proust lesen-Tag 33-Im Schatten junger Mädchenblüte-Norpois

Kiel/Hamburg

Morgens in einem Artikel einer online Zeitung gelesen, darüber das Krankenhäuser nicht mehr moralischen Grundsätzen unterliegen, sondern überwiegend den Gesetzen des freien Marktes gehorchen. „Man darf den Markt nicht sich selbst überlassen, sagte K. gestern.

Ein Todesfall in der Familie, dem dieser Artikel wie auf dem Leib geschrieben ist, hinterlässt uns trauernd.

Altona in schwüler Wärme,  im Cafe mit den angebundenen Büchern lese ich „Macht“ von Duve und später ein Buch über Sterblichkeit und Medizin..

Recherche:

Man spricht von der Veranlagung zur Literatur, als sei es eine Anlage zum Rheumatismus. „Davon stirbt man nicht“.

Norpois, ehemaliger Diplomat,  erzählt vom Sohn einer befreundeten Familie, deren Sohn ähnlich angepasst sei wie Marcel. Trotz allem habe er seine gute Stellung im Außenministerium gekündigt, um seinen schriftstellerischen Neigungen nachzugehen. Man will nicht wissen was Marcels Eltern von dieser Ermunterung hielten.

Immerhin schrieb dieser eigenwillige Sohn ein Buch: über „Repetiergewehre in der bulgarischen Armee“ und „dem Gefühl der Unendlichkeit am östlichen Ufer des Victoria Nyanza Sees.“

Weiterhin redet man ästhetisch über Börsenwerte, Kirchen, Politik, Madame Swann , Balbec und die Berma, während neben dem Bouf Gelee, auch Ananas Trüffelsalat und Pudding a la Nesselrode serviert wird. Marcels Mutter erschauert, als Norpois zugibt bei Madame Swann zum abendessen gewesen zu sein.

Marcel erhofft sich Antwort auf seine drängende Frage; was in aller Welt die Welt an der Berma findet.

Norpois sitzt „mit der Lässigkeit eines Orchestermitgliedes „und“ hat seine Gesichtsmuskeln zur Unabhängigkeit erzogen.“

Mit maliziösem Lächeln, hält er Balbec für einen netten Urlaubsort mit niedlichen Villen, die Berma für schlau genug die richtigen Rollen zu wählen und zeigt sich belustigt darüber, das Swann der sich eins in besten Kreisen bewegte nun dem Kabinettsdirektor vom Postministerium überschwenglich für sein Kommen dankt.

 

Proust lesen Tag 27-In Swanns Welt-S.480-500

Hamburg

„Jedesmal, wenn sie ein Weilchen fort war, fühlte Swann, daß er anfing, sich von ihr zu lösen…“

Endlich ist der Moment da. Entweder beginnt der Sturm sich in in Swann selbst zu legen oder er ist ausgebrannt. Vielleicht ist es auch der Moment, an dem er eine Freundin trifft, die ihm von Odette erzählt. Odette würde immer von ihm reden, immer an ihn denken.  Swann beginnt ganz langsam loszulassen, verspürt öfter keinen Schmerz mehr, die Liebe entfernt sich langsam. Zu viele Blessuren, zu viel Leid, vielleicht auch will er das Erreichbare nicht.

“ Du hast die „Recherche“ gelesen!“ In einem gemütlichen Cafe in Hamburg, in dem es Bücher an der Leine gibt, halte ich mich an meiner tiefdunklen Schokolade fest. „Sag schon, wie endet es mit Odette?“

Yulia wirft ihr blauschwarzes Haar nach hinten.

„Es ist zu lange her und ich habs auf japanisch gelesen. Außerdem will ich dir das nicht verraten.“  „Lies selbst.“In Hamburg trägt die Ü70 Generation blaue Filzdreadlocks und draußen spielt einer Klavier. „Was ist  denn die Recherche?“ fragt Sina, während sie in einem angeleinten Buch blättert.   Ich erzähle etwas von nicht gegebenen Gutenachtküssen, in Tee eingeweichten Gebäckstücken, Symbiose und Abhängigkeit.

Weitere Themen unseres Cafestündchens: Was machen Ballettmütter ohne Ballett oder wie gelingt Loslassen und Aufbruch in etwas Neues. Es war ein Tag an dem ich viel sah, eigenwillige Alte, Tränen einer Mutter, Zorn, Depression, Stagnation und Gelassenheit. 

Ich würde mich gern für Gelassenheit entscheiden, es Swann gleichtun und loslassen.

 

 

 

Proust lesen Tag 18-In Swanns Welt S.340-360

Hamburg -Altona

Verhaltenskodex im Salon Verdurin. Wer es wagt klüger und geschmackvoller, zudem weniger heuchlerisch zu sein……

Nein heute gibt es keine Zusammenfassung, denn für meine Begriffe ist auf zwanzig Seiten nichts passiert. Salongeschwätz, Stammtischkalauer….

In Hamburg mit Yulia und Lilli im Cafe gewesen.

Später auf der Rückfahrt erzählt ein Mann etwas Mitte Siebzig: Ich lebe mit meiner Freundin im Wechselmodell. Sie ist Kielerin und Meeresbiologin, ich bin Archäologe. Sie wohnen siebenhundert Kilometer getrennt. Sie können ihre Städte nicht verlassen: Sie braucht ihre Bibliothek und ich meine. Also leben wir zwei Wochen in Kiel und zwei Wochen in Mannheim , immer im Wechsel.  Am Bahnhof fallen sich die Freundin und er in die Arme. Sie sind in etwa gleich alt.  

Nachtrag: An diesem Tag wurde die Leiche des vierzehnjährigen vermissten Mädchens gefunden. Eine furchtbare Tat, die wütend macht und Deutschland weiter spalten wird.

 

 

 

Proust lesen Tag 5-In Swanns Welt S. 80-100

 

Über viele, viele Seiten wird die Kirche von Combray beschrieben. Unterhaltsamer finde ich die Darstellungen über das was unbekannte Personen oder Hunde im Dorfe auslösen. Ein unbekannter Hund und Francoise wird sofort zum einkaufen losgeschickt. Kenn ich auch irgendwoher.

Satz des Tages: „Versuch immer ein Stück Himmel über deinem Leben zu haben, mein Kind, fügte er zu mir gewandt hinzu. Du hast eine reiche Seele, das ist eine Seltenheit, eine Künstlernatur; laß sie nicht darben an dem, was sie braucht.“

 

Proust beschreibt akribisch die Kopfbedeckung der Bediensteten Francoise. Die Haube, denke ich, kommt mir bekannt vor…..ann weiß ich wo ich diese schon mal sah-bei der Bediensteten( brillant dargestellt) aus einem Musical. Ich versuche diese Verbindung zu kappen, aber ehe ich mich versehe hat Francoise nicht nur die Haube von Mrs. X. auf, sondern auch deren rauchige Stimme, deren Temperament-überhaupt verschmelzen sie zu einem Wesen. Damit wird zumindest diese Figur im Roman für mich plastisch, greifbar. Ich frage mich ob es statthaft ist diesen Charakter in Proust einzubauen. Eine gewagte Verbindung, doch durch ihn erwacht Proust für mich zum Leben. Seis drum.

Tag am Meer mit Möwen, Himmelblau, Wind und Wasser.

nor

Später , Zuhause finde ich mein Zimmer belagert, Saxophonunterricht, ich bin so müde dass ich Zuflucht im Wohnwagen suche und sofort einschlafe.

Karla singt seit Stunden diesen Cranberriessong Zombie und übt Growling in ohrenbetäubender Lautstärke. Ich flehe um Gnade, aber das Kind will es können und growlt weiter.

 

 

 

 

Proust lesen Tag 4 -In Swanns Welt S.60-80

Zug nach Hamburg/

Anhand eines Stückchen Madeleine, versinkt Proust in einem Erinnerungsflashback, ähnlich ( in der Intensität, aber positiv)  einer traumabedingten Erinnerung, die man lebt wenn sie aufsteigt. Er versucht an dieses Erlebnis anzuknüpfen. Jochen Schmidt vermutet, dass jene Erinnerung vermutlich das ganze nächste Kapitel, bzw. die ganzen sieben Bände gebiert.

Weiterhin eine kranke Tante, die ausschließlich liegt und das Leben am Fenster liegend an sich vorbeiziehen lässt. Hypochondrie als Zeitvertreib.

Leider habe ich die zwanzig Seiten nur oberflächlich gelesen, Proust im Zug erscheint mir schwierig, jedenfalls für mich. Jochen Schmidt lese ich immer erst nach der Pflichtlektüre, um zu vermeiden versehentlich zu kopieren. Es muss genügen seine Vorgehensweise (Schmidt liest Proust),  1:1 abzukupfern.

Ein Tag am Meer liegt vor mir. Es ist nicht Balbec, aber dennoch nicht weniger spannend.

Hamburgtag

In Altona flirrt das Leben. Genieße es in der Menge abzutauchen, erkunde die Bücherhallen im Mercado, durchstreife die Seitengassen, trinke Cappucino, schaue in die ausgeliehenen Bücher. Ich bräuchte mal etwas schwerelosere Literatur. Die Themen Narzissmus und Traumata ( in der Bibliothek bearbeitet)  heitern mich nicht gerade auf. Ich habe einen Konflikt mit unzureichenden Mitteln gelöst, nun liegt er mir im Magen. Zwischendurch whats apped die Freundin: “ Wollen wir am Wochenende in die Künstlerkolonie? Es gibt ein Fest.“

Schreibe dem Gatten: „Kann ich weg am Wochende? Hamburgtag decke ich ab.“

Später an die Freundin: „Klappt“

Altona ist toll, schrill, bunt, lebendig. Zum Glück hab ich auch George Sand ausgeliehen, weil die Mutter in der „Suche“ nachts dem Kind George Sand vorliest.

George Sand ist Premiere für mich: „Seßhaft aus Pflichtgefühl, glaubst du mein lieber Francoise, daß ich, vom stolzen und eigensinnigen Lieblingsgedanken der Unabhängigkeit hingerissen…“ Das könnte was werden. Da die Zweigstelle außer „Mallorca“ nichts von George Sand vorrätig hat, vertage ich es auf die Kieler Bibliothek.

Erst spät am Abend schlage ich wieder im Vorort auf, noch ist es warm, Duft von Flieder.