Proust lesen Tag 69-Im Schatten junger Mädchenblüte-Erster Aufenthalt in Balbec-Abreise

Diesmal traf mich das Ende des Bandes unvorbereitet. Es war tatsächlich das Gefühl, an diesem Tag, dieses als einzig vorzeigbare Leistung verzeichnen zu können.

In immer noch glühender Hitze, auf der Terrasse sitzend, rief ich: „Oh ich bin bereits am Ende. „Das rief sofort die Hunde auf den Plan, die heute aus ihrem Meeresurlaub zurückkehrten und dachten, es gäbe etwas zu fressen.

Malina hat sich gemeldet, wir haben uns Jahre nicht gesehen, ihre Leidenschaft für die Musik und das Tanzen, Tango in Berlin. Heute spielt ein argentinisches Tangotrio im Lutterbeker, aber dieses verfluchte Auto ist kaputt. Ich würde hinkommen, aber nicht zurück.

Die Hitze erzeugt eine vollkommene Lethargie und einen völlig verschobenen Tages-und Nachtrhythmus. Ich stehe 3.00 Uhr auf, verrichte alles was zu tun ist: Lüften, gießen, aufräumen, Holundersirup mit Wasser zu mischen und kühl zu stellen, Tierfütterung, Katzenkloreinigung, Säuberung der Näpfe;  bis in die Morgenstunden, nur um mich dann wieder hinzulegen. Die Teenies sind zurück, ab morgen muss ich mich wieder disziplinieren. „So haltet doch die Tür geschlossen“ ermahne ich, um die mühsam errungene Kühle im Haus nicht zu gefährden. Es gelingt nicht. Der Sommer steht nun auch im Haus, trotz spacig verkleideter Alufolienfenster..

Eine plötzliche Zusammenrottung von Wolken, davbringen ein erfrischendes Gewitter. Unerwartet, überraschend, die Vögel jubilieren. Man sieht im Vorort niemanden, erst jetzt hört man erste Stimmen und in einem der Nachbargärten, fröhlich rufende Kinder und das Geräusch platschenden Wassers. Die Temperatur liegt auch nach dem Gewitter bei 30 Grad. Eine leichte Brise, die die warme Luft hin und her bewegt.

Der Gatte ist mit dem Pubertier in Hamburg. Mit dem Mittleren überlege ich ich, uns eine Klimaanlage selbst zu bauen.

Wir stellen Tiertränken auf.

Erste Waldbrände, in der Nähe von Brandenburg bereitet sich ein Ort darauf vor eventuell evakuiert zu werden.

Proust: Es wird kühler in Balbec, der Sommer ist vorbei, Albertine überraschend nach Paris zurückgekehrt. Nach und nach verlassen die Hotelgäste Balbec. Eine Entspannung die Marcel genießt, dennoch werden die nicht vorhandene Heizung und Kamin allmählich zum Problem. Der Sommer in Balbec ist vorbei.

Proust lesen Tag 68-Im Schatten junger Mädchenblüte-Erster Aufenthalt in Balbec-Albertine

Charakterstudie Albertines: Sie hat etwas magnetisches, eine Anziehungskraft der sich kaum jemand entziehen kann. Sie liebt es anderen Freude zu bereiten.

Marcel konzentriert sich seit der Abfuhr wieder auf die gesamte kleine Schar.

Im Moment bin ich nicht zu mehr in der Lage als zu diesen Kurzzusammenfassungen, mir ist ein anderes Buch dazwischen gekommen, welches mich sehr berührt. „Ich bin hier und alles ist jetzt.“ Seit Jahren habe ich kein Buch mehr unter Tränen gelesen, dieses schon.

Kiel

Vier Uhr aufgestanden und die Blumen gegossen, obwohl kaum welche da sind. Gelüftet, die Katzen versorgt, bis 6.00 Uhr gefrühstückt, auf der Terrasse und dann wieder ins Bett gegangen. Erstmalig wagten sich die Katzen in mein Bett und legten sich an s Fußende.

Zahnarzt Termin mit Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln, bei diesen Temperaturen ein heldenhaftes Unterfangen. Die Zahnarzthelferin fliegt in den Urlaub, nach Boston. Ich will auch mal in die USA, New York würde ich gern sehen.

Irgendwann beginnt es zu regnen und ich nutze die Abkühlung um einkaufen zu fahren mit dem Fahrrad. Wie machen das eigentlich ältere, kranke Menschen ohne Auto bei diesen brüllend heißen Temperaturen?

Ein Busfahrer befördert ein Mädchen mit akzentfreiem deutsch, aber fremdländisch anmutenden Gesicht wieder nach draußen. „Die regeln gelten hier für alle schnoddert er, ihr seid nicht s besonders. Sie wollte schwarz fahren, war gut angezogen, wirkte schüchtern. Ich wollte ihr Geld geben, aber da fuhr der Bus schon los. 

Vor mir saß einer, der sprach ein anderes junges Mädchen an und schimpfte dann auf sich: „Du sollst nicht immer fremde Menschen ansprechen. Eine Unterhaltung mit sich selbst in verschiedenen Stimmlagen. Im eigenen Auto bekommt man weniger mit von der Welt.

 

Ein wenig Abkühlung hat der Regen gebracht. Man freut sich über jede Wolke.

In Griechenland gab es verheerende Brände die viele Todesopfer forderten.Mein Mitgefühl sende ich nach Griechenland.

Proust lesen Tag 66-Im Schatten junger Mädchenblüte-Erster Aufenthalt in Balbec

edfMarcel ist mit der kleinen Schar unterwegs.

Albertine zu Marcel: „Ich darf mit Israelitinnen nicht verkehren, sagte Albertine.

Die Art, wie sie das Wort „Israelitinnen „(mit scharfem s) aussprach, bewies zur Genüge, auch wenn man den Rest des Satzes nicht gehört hätte, daß Sympathie gegenüber den Angehörigen des auserwählten Volkes nicht das Gefühl war, das die jungen Töchter frommer Familien der Bourgeoisie beseelte; man hätte sie sicher leicht noch glauben machen können, die Juden brachten kleine Christenkinder um.(Marcel)

„Außerdem haben sie scheußliche Manieren.“(Albertine)

Dieser Aspekt der heutigen zwanzig Seiten soll genügen.  Ich frage mich ob Proust seinen Protagonisten den Antisemitismus neutral beobachten lässt oder aber ob Selbstentfremdung bzw. Haß auf die eigenen halbjüdischen Wurzeln , eine Rolle spielen.

Es irritiert mich immer wieder.

Kiel

Gestern haben der Gatte und ich uns noch einmal den Film „Buena Vista „angesehen. Ach diese alten Männer, großartige Musiker und so lebensfroh und frei von jeglichen Masken. Ich liebe diesen Film. 

Heute morgen ließ uns ein bedeckter Himmel aufatmen, besonders die Katzen wurden etwas agiler.

Kuchen gegessen, den Geburtstag des Gatten gefeiert und später war ich noch in der Stadt. Die Möwen observieren ihr Territorium , nichts bleibt unentdeckt.

 

 

Proust lesen Tag 65-Im Schatten junger Mädchenblüte_Erster Aufenthalt in Balbec

Marcel verbringt nun alle Tage mit der kleinen Schar. Damals wollte Marcel in Balbec die kymrische Landschaft wiederfinden, nun lehrt ihn Elstir, dass Schönheit überall zu finden ist, auch in mondänen Badeorten wie Balbec. Elstir zeigt  ihm,  dass hübsche Seglerinnen, Pferderennen  und auch ein Jachtclub ihre ganz eigene Schönheit haben. „Da ist zunächst einmal dieses sonderbare Wesen, der Jockey, auf den alle Blicke gerichtet sind und der trübselig und grau in seinem leuchtenden Dreß vor dem Sattelplatz steht, eins mit dem bockenden Pferd, das er immer wieder an den Zügel bekommt; es wäre allein schon interessant, seine professionellen Gesten festzuhalten….“ „Alle Dinge machen eine Verwandlung durch in ihrer lichtdurchfluteten Weite der Rennbahn, wo man überrascht wird durch eine Unmenge schatten und Reflexen, die man nur dort zu sehen bekommt.“

Kiel/Krusendorf/Surendorf

War mit Luise unterwegs, abends am Stand entlang bis ans militärische Sperrgebiet und weiter. Von der Einsamkeit Krusendorfsdav, der unberührten Natur, gelangten wir direkt in die touristische Zivilisation Surendorfs. davWir haben köstlich gegessen davund portugisische Livemusik gehört. davdavAuf dem Rückweg ein wunderbarer Sonnenuntergang.dav

Proust lesen Tag 64-Im Schatten junger Mädchenblüte-Erster Aufenthalt in Balbec-Albertine

„Da es sich nicht um Damen handelt, sondern um „Dirnen aus dem Volk“, kündigt sich hier die Herrschaft eines neuen Menschentypus an, für den die aristokratische oder intellektuelle Welt zwar Verachtung zeigen kann, von dem sie aber hinweggefegt oder ignoriert wird, was dasselbe ist. Die Unterschichtsgrazien sind nicht mehr nur Anhängsel der Reichen oder solcher Leute wie Bloch, sondern souveräne Herrscherinnen.“ (Jochen Schmidt, Schmidt liest Proust).

Ein Schönheitsfleck auf dem Gesicht Albertines, der mal hier und da auftaucht. Für Marcel ist Albertine eine „radfahrende Bachantin“, „orgiastische Muse des Golfspiels“, die immer wieder auf neue Weise wirkt. Heute ein geröteter Fleck auf ihrer Schläfe, den Marcel als nicht besonders schön empfindet, eine unvermutete Schüchternheit, „eher befangen als erbarmungslos.“

Die Albertine vom Strand gibt es nicht, sie ist frei erfunden, ihr versprach er ihre Liebe. Nun fühlt sich der junge Mann verpflichtet, das Versprechen aufrecht zu erhalten, nun aber eben mit dem stellvertretenden Teil der wirklichen Albertine. Naja, und immerhin gibt es einen Ausweg. Wenn schon nicht Albertine seinen Vorstellungen entspricht, dann könnte er doch den Rest der kleinen Schar etwas näher kennenlernen.

Und die kleine Schar, in anderen Übersetzungen die kleine Bande, muss es in sich haben. Wohlerzogene Mädchen dürfen sich im Kasino nicht aufhalten, weil sie womöglich sich dort von „braungebrannten Jungfrauen“ unangemessene Verhaltensweisen abschauen könnten.

Kiel

Was für eine Hitze. Ich reibe die Katzen mit Wasser ab um eine möglichst krosse Kruste zu erhalten. „Mein Gott, warum lasst ihr euch denn freiwillig braten?“ Näpfe und Teller mit

dav

Wasser, auch die Pflanzen werden morgens gegen 6.00 Uhr gegossen. Nächste woche sollen die Temperaturen auf 35 Grad ansteigen.

Den Tag mehrheitlich mit Proust verbracht. Die Begleitlektüre von J.S. Tomas eröffnet neue Räume.

Abends mit Sina beim Bootshafensommer gewesen. Ich fuhr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, weil meine ganze nicht vorhandene Muskulatur streikte, die gestrigen 36 km Fahrradtour waren wohl zuviel. Sina will wieder nach Berlin. „Die Kinder sind groß. Was soll ich noch hier?“ Ist es wirklich so, dass wenn man an dem Platz an dem man ist nicht glücklich ist, man nirgendwo glücklich wird. Oder stimmt das nur bedingt?

Am intensivsten war für mich die Zeit des Herumreisens ( Kinder und Familie ausgenommen), nachts in Antibes am Strand, Genua, Nizza, Kephalonia, Santorin, Prag, Budapest, Sopron, Palermo. Ein halbes Jahr sah ich mir all die Orte an, von denen ich nie gedacht hatte sie einmal sehen zu können. Ich reiste allein, nahezu ohne Geld.Vielleicht war das die einzige Zeit, in der ich wirklich intensiv wahrnahm. (Kinder und Familie ausgenommen)

Zurück zu Kiel

Ich kenne Kiel selten von dieser Seite, locker, flippig, leicht. Selbst die Punkrockmusik machte Spaß. Diese lebendige, unkonventionelle Seite erlebe ich sonst nur in Hamburg (weiter reicht mein Radius nicht). Aber das hat mit Kiel wohl wenig zu tun, sondern mit dem fremden oder gewohnten Blick mit dem man einer Stadt begegnet.

Proust lesen Tag 63-Im Schatten junger Mädchenblüte-Liebe und Projektion-Erster Aufenthalt in Balbec-Elstir

„Was kannte ich von Albertine? Eine oder zwei vor das Meer gestellte Profilansichten, die bestimmt weniger schön waren als die der Frauen von Veronese…“

Seitdem Marcel Albertine sah, führt er innere Dialoge mit ihr- der vorgestellten Albertine. Die wirkliche Albertine, jene vom Strand, erfüllte die Rolle der Erstbesetzung eine Silhouette, jene Albertines die dazukgekommen waren, sind erfunden.

Marcel bekommt als Entschuldigung von Elstir ein Bild der Miss Sacripant in der Marcel die frühere Odette erkennt. „Eine  magere, eher unschöne junge Person mit bauschigen Haar und angespannten Gesichtszügen. “ Das Porträt war vor jener Zeit gemalt, da Odette durch Disziplinierung ihrer Züge aus ihrem Gesicht und in ihrer Gestalt…“ jene Odette der erfolgreichen Kokotte und späteren Madame Swann gemacht hatte.

Zwischen Odettes alten und neuen Erscheinungsbild liegen Welten, es fällt schwer in diesem Bildnis die jetzige Madame Swann zu erkennen. Marcel versteht nun auch, das Elstir jener Maler ist, von dem im Salon der Verdurins allenfalls spöttisch gesprochen wurde.

Er spricht Elstir darauf an. Jener antwortet, dass niemand in der Phase seiner Jugend Dinge getan oder gesagt hat, zu denen er heute kaum noch stehen kann. „Man kann die Weisheit nicht fertig übernehmen, man muss sie selbst entdecken auf einem Weg, den keiner für uns gehen und niemand uns ersparen kann, denn sie besteht in einer bestimmten Sicht der Dinge.

“ „…denn das Dasein hat eigentlich nur an jenen Tagen Sinn, wo der Staub der Realitäten magischen Sand mit sich führt, wo irgendein banaler Vorfall etwas romanhaft Bedeutungsvolles bekommt. Für Marcel kehrt sich eine Sichtweise um. Er suchte bisher die Schönheit im Herausgehobenem, nun beginnt er nach der Schönheit im alltäglichen zu suchen.

Saint Loup reist ab. Marcel trifft Albertine erneut im Atelier und  erkennt sie kaum. Wandelbare Albertine

Kiel

Das Auto ist kaputt und so bin ich gezwungen alle Wege mit dem Rad zu erledigen, das dauert. Es ist warm und sonnig, in der Stadt ist Bootshafensommer. Tatsächlich beginne ich die Personen aus der Recherche im Jetzt zu erkennen, Odette mit dem schweren Blick, die kleine Schar…..

Die Katzen haben die Nacht zum Tag gemacht und tobten durchs ganze Haus.

Ein kleines Eichhörnchen mit fuchsroten Fell sprang mir vor das Rad. Eine leichte Brise Sommerwind. Sommersonnige Tage.

Proust lesen Tag 62-Im Schatten junger Mädchenblüte-Erster Aufenthalt in Balbec-wandelbare Albertine

Im Atelier von Elstir findet Marcel Inspiration und erhält Lektionen im wirklichen Sehen. Elstir, der von Marcel gehört hatte, wie enttäuscht dieser von der Kirche Balbecs war, zeigt ihm das mythologische, religiöse und verborgene Wissen, welches in Reliefs und Architekur von Balbecs Kirche  eingeschrieben sind.

Weiterhin wartet Marcel auf die kleine Schar, insbesondere auf Albertine, diese aber taucht immer da auf wo er sie nicht vermutet. So streift Marcel mit Elstir lange am Strand entlang. Er versucht den Maler in ein Gespräch zu verwickeln, um möglichst bis ans Ende der Promenade  zu gelangen,  an der er die kleine Schar vermutet. Vergebens.

Es wurde Abend; wir mußten heim; ich geleitete Elstir ein Stück zu seinem Haus zurück, als plötzlich, wie Mephisto vor Faust“, am Ende der Straße gleich einer unwirklichen, diabolischen Konkretisierung einer meiner eigenen entgegensetzten Wesensart, jener fast barbarischen Vitalität….“ die kleine Schar auftaucht.

Hier an dieser stelle ein Ausflug zum Erscheinungsbild von Albertine, so wie sie Marcel wahrnimmt.

Erste Begegnung an der Promenade in Balbec:  gassenjungenhaft, tief über die Augen gezogene schwarze Polomütze, gerade Nase, blitzende, lachende Augen, geranienfarbener Teint, matt schimmernd-blass, brünett, stolz, unbewegliches Gesicht, groß

2. Begegnung: Albertine mit Gouvernante am Haus: schwarze strahlende Augen, etwas geraderes Profil, Nasenflügel etwas länger, füllige Wangen, rosiger Teint

3.Begegnung: am Fenster von Elstirs Atelier: volle Wangen, forschender verweilender Blick, Schönheitsfleck am Kinn.

4.Begegnung jetzt auf dem Heimweg mit Elstir: Ist es Albertine deren Gesicht Marcel erscheint, als sähe es aus wie ein Kuchen?

„Ich habe gesagt, daß Albertine mir an jenem Abend nicht als die gleiche erschienen war wie an den vorhergehenden und daß sie mir überhaupt jedesmal anders erscheinen sollte. Doch ich spürte in diesem Augenblick, daß bestimmte Veränderungen in Aussehen, Bedeutung und Größe eines Menschen auch von der Wandelbarkeit gewisser zwischen diesem  Wesen und uns bestehenden Gegebenheiten abhängen können,…“

Das so erhoffte ist eingetroffen, aber jetzt macht Marcel einen rückzieher.

Er bleibt stehen, verweilt an einem Schaufenster, lässt den Maler Elstir vorgehen, der die Mädchen kennt,  in der Gewissheit den jungen Damen gleich vorgestellt zu werden. Die Aufregung, die Sehnsucht ist schon der nahen Sättigung, der Erfüllung  gewichen. ER wird sie kennen lernen. Elstir aber, lässt die jungen Damen ziehen, ohne sie Marcel vorgestellt zu haben.

Marcel im Bedauern die Gelegenheit nicht ergriffen zu haben, sinnt über die verschiedenen Albertines nach: Jener der er am Strand zum ersten Mal begegnete, Jener vom Vortag am Fenster von Elstirs Atelier und der Albertine von heute. Um sie so zu sehen, wie er sie beim ersten Mal sah, müsse er aus der Situation herausgehen.

Kiel

Wieder zu Hause. Es ist nichts Bemerkenswertes passiert. Geputzt, gewaschen, aufgeräumt und vermeintlichen Johannitern mit dubiosen Spendenzetteln die Tür gewiesen.

Der Beginn der heutigen zwanzig Seiten, erinnerte mich an eine Studienfahrt nach Chartre. Eine Woche verbrachten wir, damals vor 25 Jahren,  lernend in der Kathedrale, die wir mit jeder dort verbrachten Stunde immer tiefer begriffen.

Das andere betrifft den ersten Eindruck beim Wahrnehmen einer neuen Begegnung und das das was man im ersten Moment wahrgenommen hat, eventuell nicht noch mal auftaucht, wenn man die Person näher kennenlernt. Trotzdem bleibt das Bild im Inneren erhalten, ist wie losgelöst von den Wahrnehmungssplittern die später dazugefügt werden.

Warmer Tag, bedeckter Himmel, kein Regen, ein Jahrhundertsommer.

 

 

 

Proust lesen Tag 59-Im Schatten junger Mädchenblüte-Die Faszination Albertine

Kiel/Kaliforniendav

Heute beginne ich zuerst mit dem Privaten, mit den Alltagssequenzen und warum an einem einzigen Tag, zudem nach durchwachter Nacht, sich sämtliche Krisen zu bündeln scheinen. Was für ein besch…..Tag, trotz Sonne, Strand und Urlaub.

Und Karla hat es auch erwischt. Ein Lehrer dem sie unglaubliche Fortschritte in ihrer Stimme zu verdanken hat, hört auf zu unterrichten. „Was soll ich denn jetzt machen Mama?“, fragt sie. Manchmal habe ich keine Antworten.

Und heute gibt es vor Proust erstmal Kazantzakis, weil mir die Sätze die ganze Zeit im Kopf herumschwirren und sie vielleicht Ruhe geben, wenn ich sie hier freilasse:

Für H.

„Ich räume mein Werkzeug zusammen, Gehör, Gesicht, Geruch, Geschmack, Gehirn. Es ist nun Abend geworden, der Arbeitstag geht zu ende, ich kehre wie ein Maulwurf nach Hause in die Erde zurück. Nicht, als ob ich des Arbeitens müde geworden sei, ich bin nicht müde, aber die Sonne ist untergegangen.“

Ich werfe einen letzten Blick um mich, von wem soll ich Abschied nehmen? Wovon soll ich Abschied nehmen?

„Wem soll ich meine Freuden und meine Traurigkeiten anvertrauen, die die heimlichen donquichottischen Sehnsüchte der Jugend, den harten Zusammenstoß  später mit Gott und mit den Menschen, und schließlich den wilden Stolz, den das Alter kennt…Wem soll ich sagen, wie viele Male ich beim Hinaufklettern mit den Füßen mit den Händen auf dem steilen, steinigen Wege Gottes abglitt und hinabfiel, wie viele Male ich blutend aufstand und von neuem hinaufzuklettern begann.“

Proust: heute nur zehn Seiten

Marcel oder der Erzähler geht der Frage der Faszination und Projektion nach. Fasziniert uns was uns fremd ist und dessen Qualitäten wir uns gern zu eigen machen würden?  Marcel und das ist für mich schwer nachvollziehbar, hat sich zunächst in die ganze Mädchengruppe verliebt. bzw. ist fasziniert von ihr. Er will das Fremde in etwas eigenes umwandeln.

 

Proust lesen Tag 58-Im Schatten junger Mädchenblüte-Erster Aufenthalt in Balbec-Die kleine Schar

Jetzt taucht Albertine auf. Lässig ihr Fahrrad mit einer Hand vor sich her schiebend, inmitten ihrer Freundinnen. Die anderen tragen Golfschläger, ihre Aufmachung unterscheidet sich von allen anderen jungen Mädchen in Balbec. Marcel kann sie keiner Klasse zuordnen. Sie beherrschen ihre Gesten, ihre Körper sind durchtrainiert, ihr Gebaren enthüllt ihre kühle, oberflächliche, harte Natur, zusammengefunden aus dem Widerwillen gegen alles Verweichlichte, Nachdenkliche, Ungeschickte. Sie empfinden sich als eigene Rasse.

So ziehen sie über die Strandpromenade wie ein neuer Komet am Himmel. Eine Bankiersfrau hatte ihren pflegebedürftigen Mann im Schutze des Musikpavillons auf einen Faltstuhl hingesetzt. „Das Podium der Musiker bildete über seinem Kopf ein natürliches, verlockendes Sprungbrett, auf dem ohne zu zögern die Älteste der kleinen Schar ihren Anlauf nahm, dann sprang sie über den erschrockenen Alten hinweg, wobei sie seine Strandmütze mit ihren gewandten Füßen berührte-zum Ergötzen der anderen Mädchen…“

„Der alte Knabe kann einem leid tun; der kratzt sicher bald ab“, bemerkte eines der Mädchen mit rauer Stimme und in halb ironischem Ton.“

Was wenn die Golfschläger Baseballschläger wären? Diese Frage tauchte damals im Seminar auf. Sah Proust das Einbrechen einer neuen Zeit voraus? Weit voraus?

Hamburg

Im Musical gewesen, großes Kino. Ich weiß nicht ab wann hier etwas unter Werbung läuft.

Später am Strand gesessen und gepicknickt. Ich mag Hamburg sehr.

Sah aus als gäbe es eine Wohnung im Container. So ein Tinyhouse das wär mal was.

Proust lesen Tag 57-Im Schatten junger Mädchenblüte-Erster Aufenthalt in Balbec-Abendessen bei Bloch

 

Balbec ist ein Ort in dem sich die  verschiedenen Gesellschaftsschichten mischen, beispielsweise begegnen, wie die jüdische Kolonie und (Klein?)bürgertum, Adel und Großbürgertum in diesem Fall.

Saint Loup und Marcel sind zum Abendessen bei den Blochs eingeladen.

Die Blochs sind offensive Snobs und sie sind Juden. Das Jüdische findet immer wieder Erwähnung, hier in der Form das Blochs selbst den jiddischen Dialekt peinlich finden, in dieser Situation.  Die Blochs kennen die Leute ohne mit ihnen bekannt zu sein, das ist urkomisch.

Bloch Junior ist alles was Marcel nicht ist, unverschämt, laut, draufgängerisch, vulgär, ungenau, inkompetent, prahlerisch. Aber auch literarisch gebildet.  Zum anderen zeigt er offen, was Marcel verbirgt, das Streben seine eigene Kaste zu verlassen, Aufzusteigen.

Blochs Großonkel , Nissim Bernard, hat das was in Vater und Sohn Bloch angelegt ist, im vollem Umfang zur Verfügung. Er ist eine Art Münchhausen, eine Karikatur. Allein wegen dieser Persönlichkeitsbeschreibungen lohnt es sich die „Recherche“ zu lesen.

Allerdings wäre es weniger irritierend, wenn man auch hier nicht das Gefühl hätte, das die Personen jüdischen Glaubens, wieder einmal nicht besonders gut wegkommen.

Man begegnet sich, so schreibt es Proust, aber sieht die Welt von der jeweiligen Stufe auf der man sich befindet oder man gibt vor bereits auf einer viel höheren Stufe zu stehen.


Ich frage mich, ob ich mir nicht ein Werk zumute, das ich zu bewältigen nicht in der Lage bin. Ich weiß, dass mein Verstehen rudimentär ist und das sich Schätze heben ließen, wenn man das Rüstzeug dazu hätte.

Vermutlich warte ich deshalb die ganze Zeit auf Albertine, von der ich nicht sehr viel mehr weiß, als das sie in Sportkleidung durch Balbec zieht, übere ältere Herren herüberspringt. Es war die Szene, in der mir beim Proustseminar etwas wie Schuppen von den Augen fiel.

Nie wäre ich darauf gekommen, das Albertine einen neuen Menschentyp ankündigt, eine neue Zeit.

Falls jemand also Kenntnis hat-von einem Seminar, einem Lesekreise, Begleitlektüre….

Und danke Gerda! Dein Kommentar gestern war sehr hilfreich.

Kiel Vorort

Ich hab die Katzen erwischt

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, als sie sich allein wähnten verließen sie ihr Zimmer. Die Eingewöhnung schreitet voran.

Ein sehr ruhiger Tag, an dem nicht sehr viel mehr passierte als lesen und putzen.

Morgen gehen Luise, Karla und ich ins Musical „König der Löwen“. Luise hatte mich vor 15 Jahren eingeladen, aber jedesmal war kein Geld da. Nun ist es soweit.

Nach Mary Poppins ist dies mein zweites Musical, welches ich hören und sehen werde. Sonst bin ich ja eher in der Oper zu finden. Es gibt auch hier den Standesdünkel, der meint alles was Klassik ist wäre dem Unterhaltungsbereich überlegen. Ich halte das für Quatsch.

So und jetzt sehe ich mir den Film 1984 an. Euch einen schönen Abend.