Proust lesen Tag 109-Guermantes-Chemnitz

Kiel:

Nach dem Hamburgtag gestern, begann der Morgen damit, dass ich mein Auto überbrücken musste weil ich das Parklicht angelassen hatte. „Was für ein Start in den Montagmorgen!“, rief mir eine junge Frau mitleidig zu.

Es wurde noch einmal warm, der Hornsauerklee blüht und es sieht aus als würde die Magnolie zur dritten Blüte ansetzen. Ich war lange auf Whats App, freute mich über den wunderbaren Blumenstrauß der Nachbarin, beschriftete Marmeladengläser, kaufte ein, buk Kuchen. Die Katzen sonnten sich auf der Dachterasse, ich verwaltete die Wäsche, während auf Whats App Bewegung war.

Anna hatte ihre erste Übungsstunde auf dem Verkehrsübungsplatz.

Innenpolitik: In Chemnitz findet ein Protestkonzert statt, ein wir sind mehr Konzert. 50.000 Gäste.

Habe gerade gelesen, dass auch in Kiel eine „Wir sind mehr“ Demo stattfindet. Kiel ist in der „Bild“ (Werbung) 4000 Demonstrierende.

Proust: Es ist so wie es Jochen Schmidt sagte: nach gefühlten hunderten von Seiten Salon, bemerkt Madame de Guermantes, dass es bei ihr an diesem Abend todlangweilig wäre. Es fühlt sich an als würde Proust sich über den Leser lustig machen. Ich habe mich so dermaßen gelangweilt im Salon der Madame de Guermantes!

Proust lesen Tag 64-Im Schatten junger Mädchenblüte-Erster Aufenthalt in Balbec-Albertine

„Da es sich nicht um Damen handelt, sondern um „Dirnen aus dem Volk“, kündigt sich hier die Herrschaft eines neuen Menschentypus an, für den die aristokratische oder intellektuelle Welt zwar Verachtung zeigen kann, von dem sie aber hinweggefegt oder ignoriert wird, was dasselbe ist. Die Unterschichtsgrazien sind nicht mehr nur Anhängsel der Reichen oder solcher Leute wie Bloch, sondern souveräne Herrscherinnen.“ (Jochen Schmidt, Schmidt liest Proust).

Ein Schönheitsfleck auf dem Gesicht Albertines, der mal hier und da auftaucht. Für Marcel ist Albertine eine „radfahrende Bachantin“, „orgiastische Muse des Golfspiels“, die immer wieder auf neue Weise wirkt. Heute ein geröteter Fleck auf ihrer Schläfe, den Marcel als nicht besonders schön empfindet, eine unvermutete Schüchternheit, „eher befangen als erbarmungslos.“

Die Albertine vom Strand gibt es nicht, sie ist frei erfunden, ihr versprach er ihre Liebe. Nun fühlt sich der junge Mann verpflichtet, das Versprechen aufrecht zu erhalten, nun aber eben mit dem stellvertretenden Teil der wirklichen Albertine. Naja, und immerhin gibt es einen Ausweg. Wenn schon nicht Albertine seinen Vorstellungen entspricht, dann könnte er doch den Rest der kleinen Schar etwas näher kennenlernen.

Und die kleine Schar, in anderen Übersetzungen die kleine Bande, muss es in sich haben. Wohlerzogene Mädchen dürfen sich im Kasino nicht aufhalten, weil sie womöglich sich dort von „braungebrannten Jungfrauen“ unangemessene Verhaltensweisen abschauen könnten.

Kiel

Was für eine Hitze. Ich reibe die Katzen mit Wasser ab um eine möglichst krosse Kruste zu erhalten. „Mein Gott, warum lasst ihr euch denn freiwillig braten?“ Näpfe und Teller mit

dav

Wasser, auch die Pflanzen werden morgens gegen 6.00 Uhr gegossen. Nächste woche sollen die Temperaturen auf 35 Grad ansteigen.

Den Tag mehrheitlich mit Proust verbracht. Die Begleitlektüre von J.S. Tomas eröffnet neue Räume.

Abends mit Sina beim Bootshafensommer gewesen. Ich fuhr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, weil meine ganze nicht vorhandene Muskulatur streikte, die gestrigen 36 km Fahrradtour waren wohl zuviel. Sina will wieder nach Berlin. „Die Kinder sind groß. Was soll ich noch hier?“ Ist es wirklich so, dass wenn man an dem Platz an dem man ist nicht glücklich ist, man nirgendwo glücklich wird. Oder stimmt das nur bedingt?

Am intensivsten war für mich die Zeit des Herumreisens ( Kinder und Familie ausgenommen), nachts in Antibes am Strand, Genua, Nizza, Kephalonia, Santorin, Prag, Budapest, Sopron, Palermo. Ein halbes Jahr sah ich mir all die Orte an, von denen ich nie gedacht hatte sie einmal sehen zu können. Ich reiste allein, nahezu ohne Geld.Vielleicht war das die einzige Zeit, in der ich wirklich intensiv wahrnahm. (Kinder und Familie ausgenommen)

Zurück zu Kiel

Ich kenne Kiel selten von dieser Seite, locker, flippig, leicht. Selbst die Punkrockmusik machte Spaß. Diese lebendige, unkonventionelle Seite erlebe ich sonst nur in Hamburg (weiter reicht mein Radius nicht). Aber das hat mit Kiel wohl wenig zu tun, sondern mit dem fremden oder gewohnten Blick mit dem man einer Stadt begegnet.

Proust lesen Tag 42-In Swanns Welt -Gilberte

Nun beginnt es, dieses unselige Ping-Pong zwischen Anziehung und Ablehnung. Gilberte gesättigt von der stetigen Präsenz Marcels, distanziert sich. Marcel anders als Swann damals in der Verstrickung mit Odette, geht ebenfalls auf Abstand. Er verbietet sich Gilberte und setzt sich selbst Grenzen. Nicht ohne Sehnen und Warten, aber doch in einem vorauseilenden Abschied um nicht Verlassener zu sein sondern Verlassender.

Eine andere Bühne, ein ähnliches Stück.

/Freitag Kiel

Verärgert, absolut verärgert. Am meisten ärgere ich mich über mich selbst. Eigentlich wollte ich zum Public Viewing von „Was ihr wollt“. Ich liebe Shakespeare, war gespannt auf die Umsetzung ins Musical und das Public Viewing am Bootshafen versprach eine schöne Atmosphäre. Leider wurde daraus nichts. Nun denn, dann werde ich es mir in 3D ansehen.

Warmer Tag, mit stahlblauen Himmel. Die Bienen sind in der Stadt und nicht in der Vorstadt….Auch sie zieht es weg vom Land.

Ich sehe Divines, ein Film über  zwei Mädchen im Banlieu. Sehr berührend und heftig, mit grandiosen Darstellern.

Politik: Ein Flüchtlingsboot ist gekentert. Man vermutet einhundert Tote. Kanzlerin Merkel scheint in Brüssel einen entscheidenden Schritt weitergekommen zu sein. 

Beschlossen wurden:

Verschärfung der europäischen Asylpolitik

Aufnahmezentren für Flüchtlinge  in der EU

 In der EU ankommende Flüchtlinge und Migranten sollen  in geschlossenen Zentren untergebracht werden, dort sollen die Asylanträge geprüft werden, um zu entscheiden, wer in der EU bleiben darf und wer sie wieder verlassen muss.

Aufnahmezentren in Drittstaaten

Geprüft werden sollen zudem Auffanglager für Migranten in Drittstaaten, etwa Nordafrika.

Mehr Hilfe für die Türkei

Zahlung von drei Milliarden Euro an die Türkei, die in die Flüchtlingshilfe fliessen sollen.

 

 

 

Proust lesen Tag 29-In Swanns Welt-S.520-540

Hamburg

Marcel trifft Gilbert zum Barlauf spielen in der Champs Elysee. Im Park gibt es Parkwächter ( für die Insider: vermutlich nicht mit sächsischen Dialekt), Statuen, ein von Strahlen überzogenes Mädchen, einen charismatischen Jungen und Tauben die gefüttert werden.

Ich weiß noch nicht, wie ich mit dieser Verschmelzung von Gegenwart und Vergangenheit umgehen werde.

 

Bert hat Recht. Die Odette Episode war nur zum Aufwärmen. Nach einer kurzen Naturbetrachtung, geht es sofort weiter zu Gilbert. Und bei Proust gehen Verliebtheiten nie unkompliziert vonstatten. Immer bringt es Eifersucht, besitzen wollen, Sehnsucht, Machtgelüste und Gemeinheiten zum Vorschein. Ich freue mich sehr auf Albertine.

Eine Szene in diesen heutigen zwanzig Seiten, empfinde ich als so anstößig, dass ich beschließe sie nicht zu verbloggen. Nacher sperrt WordPress noch meine Seite…

Gilbert nennt Marcel beim Namen….

Hamburg ist ein verhältnismässig ruhiges Pflaster heute, im Gegensatz zum Kielerwoche Kiel.

Schwülwarmer Tag. Der Mohn hat alle Federn beim Regenguss gelassen. Morgens tummelten sich dort noch die Hummeln. Thymian, Lavendel und Minze blühen.

Wo sind die Bienen?

 

 

 

Proust lesen-Tag 1-In Swanns Welt S. 1-20

Kiel/In Swanns Welt/S.1-20

Die ersten zwanzig Seiten Proust: Der Erzähler wacht kurz nachdem er eingeschlafen ist auf und ist desorientiert. Die Kerze wird mit einem Zündholz wieder angezündet, in der Ferne das Fauchen eines Eisenbahnzuges, Erinnerungen die ihn mal zur Großmutter nach Combray, mal zu altdeutschen Sagen führen. Mich beschäftigt beim Lesen die Reformation, Karl der Fünfte und ob der Erzähler Marcel Proust selbst ist. Kann ich den Erzähler Marcel nennen oder muss er namenlos bleiben?

Schönste Beschreibung: Unverletzliche Einsamkeit.

Das Proust Projekt beginnt. Ich werde die Suhrkamp Ausgabe von 1975 von Eva Rechel-Mertens lesen.

Diese fand ich einst bei uns im Keller. Zusammen mit den Buddenbrooks  fristeten die Klassiker ein lichtloses Dasein.  Dem Gatten hielt ich sie kopfschüttelnd unter die Nase. Er behauptete überzeugend, nicht der Eigentümer dieser Schwergewichte zu sein. Es klärte sich nie auf. Ohne diesen Kellerfund wäre ich vermutlich nicht auf die Idee gekommen, mich an diesen Mammutroman heranzuwagen.

Morgendlicher Besuch der Bibliothek. Mir begegnet das Buch, es liegt gleich vorn neben der Eingangstür : Gefahren des Lesens von Petra Gust-Kazakos ( tolle Buchbesprechung von Sätze und Schätze), das muss natürlich mit! Ich trete den Heimweg an.

Es sollen zwanzig Grad werden. Ein wenig Wind in der Stadt, das Gekreisch der spöttelnden Möwen.

Auf dem Bahnhofsvorplatz sitzt die Trinkerszene. Eine junge Frau, knapp zwanzig muss sie sein, zitternd als sie mich um einen Euro bittet.  Zum Zittern kommt Husten: „Sie brauchen einen Arzt“, sage ich, während ich nach Kleingeld suche. „Geht nicht“, antwortet sie, hab keine Krankenkassekarte. “ Ihr Husten klingt nicht gut.“ Der Husten kommt davon, dass ich zusammengeschlagen wurde. Kein Alkohohldunst, keine sichtbaren Blessuren, sie ist nüchtern, aber es umgibt sie etwas Lebloses. Ich gebe ihr den Euro mit dem Hinweis auf die Notfallambulanz. Es ist ihr egal. „Mir geht es gut“, sagt sie tonlos.

Mit den Hunden gehe ich später lange am Fluss entlang. „Unverletzliche Einsamkeit“.

Pappelschnee wickelt sich um maigrüne Blätter, Pusteblumenfelder, ein kleiner Admiral fliegt mir vor die Füße. Die Kastanien stehen in voller Blüte.

Noch später ist Besuch da. Es wird auf Keybord und Schlagzeug musiziert und unter dem blühenden Apfelbaum Kaffee getrunken.

Schönste Szene des Tages: Beim Discounter unseres Vertrauens treffe ich den Gatten.  „Hier bist du“, sagt er und „Wir haben dich überall gesucht, wir sollten wirklich mehr miteinander reden.“ In meinem Wagen: Heidelbeeren, Spargel und Blattspinat, in seinem Chips, Cola und Grillfleisch.

Am Abend bringe ich die „Blumenwiesensaat“ für Bienen aus. Sie sollen den im Vorgarten blühenden Rotklee ablösen. Ein Bienenvolk im Garten, das könnte ich mir auch vorstellen.

 

 

Euch allen wünsche ich wunderbare Pfingsttage.

Mit Macbeth auf der Hunderunde

Was macht man, wenn man auf der Gassirunde ausnahmsweise mal nicht mit Hinz und Kunz ins Gespräch kommen will? Der Flussweg bei Sonnenschein und Wochenende ähnelt einem Marktplatz.

Ich leihe mir die Bluetoothkopfhörer des Pubertiers, schalte Macbeth ein. Da bekommt das plötzliche Innehalten der Hunde sofort eine dramatische Note. Sie haben das im Wind flackernde Schilfgras am Seeufer entdeckt. Schnee, Sonne und lauernde Gefahr. Jetzt kommen die Hexenmädchen, schleichen und wirbeln durchs Wäldchen. Vorbeikommende grüsse ich höflich mit einem Nicken. Macbeth lauscht der Prophezeiung. Wilder Hexengesang, besinnliche Sonntagsrunde. Es ging mir nicht gut heute. Zu viele Fragen, deren Antworten sich stückchenweise einstellen und nicht einfach sind.

Ich sollte wieder öfter in die Oper gehen. Dario Solari ist im Land. Er war ein hervorragender Macbeth.

Und es war eine grandiose Inszenierung.

Mein meist gelesenes Buch/Bücher-die Tagebücher von Max Frisch

  1. Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast? fragt Birgit von Sätze und Schätze hier: Klick

Mein meist gelesenes Buch, beispielsweise Bücher, sind die Tagebücher von Max Frisch.

Wann habe ich sie entdeckt? Es muss in der Kieler Dekade gewesen sein, diese begann 1996. Hätte ich es mir einmal träumen lassen, über zwanzig Jahre in einer Stadt zu wohnen? Ich liebe an Kiel die Kühle, den stetigen Wind, den freien Blick, das Wasser, nicht zuletzt die Möwen mit ihrem heiseren Lachen. Sie erinnern mich jedes Mal an meine Zeit in Aberdeen, (allerdings las ich in der Aberdeener Dekade ausnahmslos Rudolf Steiner). Aberdeen, die Granit funkelnde Lady. Ein wenig einschüchternd in ihrer Noblesse, wären da nicht die Spottmöwen gewesen, die nichts allzu ernst zu nehmen schienen.

Was das mit den Tagebüchern von Max Frisch zu tun hat?  Ich weiß es nicht. Vielleicht flüchte ich mich in Assoziationen, um der Beantwortung dieser schwierigen Frage zu entgehen. Warum Frisch? Frischs Sprache ist kühl, klar, frei und zuweilen spöttisch. Man kann es sich in seiner Sprache nicht gemütlich machen, sie legt den Finger auf die Wunde, macht den Blick frei.

Die Fragebögen im Tagebuch von 1966-1971 haben es mir sehr angetan.

Fragen wie: “ Was bezeichnen sie als Heimat:

a. ein Dorf

b. eine Stadt oder ein Quartier darin ?

c. einen Sprachraum ?

d. einen Erdteil ?

e. eine Wohnung?

oder

Kann Ideologie zu einer Heimat werden?

23. Auch Soldaten auf fremden Territorium fallen bekanntlich für die Heimat: wer bestimmt, was sie der Heimat schulden?“

Mit den Fragebogen über die Ehe, haben der Gatte und ich uns einmal, auf dem weiten Weg nach Südfrankreich, die Zeit vertrieben. Hitze, Müdigkeit, ein scheppernder Bulli, die Kinder noch klein und dann Fragen wie diese:

„Wann überzeugt Sie die Ehe als Einrichtung mehr: wenn Sie diese bei andern sehen oder in ihrem eigenen Fall?“

 

Es ging gut-zum Glück.

Was liebe ich  an Max Frisch? Das er trifft. Das schnörkellose, das Spöttische, das Hellwache, das Ringen.

 

„Ein fast unüberwindlicher Ekel vor der Schreibmaschine, Versuche mit der Handschrift, einmal auch mit dem Tonband, aber das hilft nicht-

Muss ich etwas zu sagen haben? Das sture Gesumme einer dicken Fliege an der oberen Fensterscheibe reicht aus, dass ich verzage, aber ich stehe nicht auf um das Fenster zu öffnen; die Stille wäre genauso öde. Und wenn das Telefon klingelt, lasse ich es klingeln-

Ich bin nicht da. Ich weiss nicht, was los ist.“

oder Fragen wie diese:

„Wen habe ich wirklich gekannt?“  (Entwürfe zu einem dritten Tagebuch)

Wen habe ich eigentlich gekannt? Kenne ich mich? Das Haus muss aufgeräumt werden, ich räume den Schreibtisch.