Versuch über….

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Gestern. Er stand da, drehte sich um. Vielleicht war es die Art der Kleidung oder wie er sich bewegte, vielleicht war es der Blick oder die Form der Energie. Es ist egal was es war, es weckte Erinnerungen, ließ Sequenzen in schwarz -weiß vor mir ablaufen. Kühl war es, die Sonne versuchte sich Bahn zu brechen. Aus dem Trubel der Menschenmenge herausgehoben und versetzt in einen Stummfilm der Vergangenheit: du, beim Verteilen von Hagebutten, du, beim Essen von warmen Apfelkuchen in kühler Herbstluft, du beim Spielen mit Kastanien-wie ein ausgelassenes Kind, du wie du verärgert das Laub vor dir hertriebst, du, mit deinem klarem Blick, der spröden, herben Art und dem warmen Lachen. Ich weiß nicht ob ich vielleicht lieber nicht an dich erinnert worden wäre. Offensichtlich vermisste ich dich.

Gestern. Er stand da, drehte sich um, lächelte. Ein Schauer ging über der Stadt nieder. Sein Gesicht weckte die Erinnerung an dich.

Willkommen Mr. Herbst

Kurze Proustpause-Tagebuchbloggen

 

Bei Frau Brüllen ist wieder Tagebuchbloggen und ich bin mit dabei.

„Julius was würdest du eigentlich machen?“, frage ich meinen 14 jährigen Sohn. Ich sitze nach der Arbeit zufrieden, aber erschöpft im Lesesessel und überlege ob ich es wagen soll oder nicht.

„Du weißt ja, ich hab da jeden Tag dieses Proustprojekt und bisher war es für mich auch okay mal müde zu lesen und Gefahr zu laufen, nur einen minimalen Teil mitzubekommen. Aber jetzt bin ich an einer Stelle, an der es wirklich schade wäre Disziplinlesen auszuüben.“

„Heißt es nicht Qualität vor Quantität?“, fragt der Sohn lächelnd und geht die Treppen hinauf.“ Ich lege Proust erleichtert zur Seite. Karla hat morgen Geburtstag, ich darf noch ihren Geburtstagstagstisch decken. Und sonst?

Was habe ich heute eigentlich gemacht?

8.00 Uhr auf dem Parkplatz gestanden und nach Jemanden Ausschau gehalten der mir beim Tragen der Apfelkisten helfen könnte. Irgendwann kam C. und half tragen.

Apfelsaftpresse im Garten aufgebaut, Waschanlage, Tische mit Brettern und Messern.

In der noch kühlen morgendlichen Herbstluft prasselte ein Feuer und erzeugte diesen typischen würzigen Herbstduft mit Spuren von Äpfeln und Holzfeuer. Die Bosköppe waren ergiebig. Die Kinder zerkleinerten mit Feuereifer Äpfel, schredderten, kurbelten und jubilierten als der goldgelbe Saft in den Topf floss.

Zum Mittag gab es Safranreis mit Hackfleisch, später Blaubeerpudding. Gegen 17.00 verließ ich die Kita, telefonierte, Whats appte, hing Wäsche auf.

Ich genieße den früheren  Einbruch der Dunkelheit, der einem das schlechte Gewissen nimmt. Nur noch schnell den Kuchen aus dem Ofen nehmen, den Geburtstagstisch decken  und dann schlafen, ich bin so müde.

Mit Proust geht es spätestens Samstag weiter.

Proust lesen Tag 110-Guermantes-Charlus

Kiel:

das Gefühl am Morgen, wenn man einem veganen Schokoladenkuchen an welchem man 3 Stunden herumgebacken hat, dann als Zwieback aus dem Ofen holt. Der erste allerdings schmeckte göttlich.

Der Hund war auch weg. Luna ist scheinläufig, da war die Kastration wohl nur zur Hälfte erfolgreich. Ich kaufte Kuchen dazu, holte den Hund aus dem Wald. Dann wurde es ruhiger. Mit den Kindern mit dem Handrasenmäher gemäht.

Nach der Arbeit, Katzenklo komplett gereinigt, Futterstelle gesäubert, Wäsche bewältigt, Bad geputzt, gesaugt, gewischt, aufgeräumt, Fallobst aufgelesen, Boskop geerntet. Die Pubertiere scheuchte ich in den Apfelbaum. Und schon war es 20.00 Uhr…..

Yulia hat mich in eingeladen mit ihr in die Staatsoper in Hamburg zu gehen, aber so mitten in der Woche schaff ich es im Moment einfach nicht.

Nachts geträumt, ich säße am Strand vor dem Zelt, ein Feuer wärmte und  ich sagte zu jemanden: ach die Familienzeit, die hat mir schon manchmal viel Disziplin abverlangt.

Innenpolitik: Es wird überlegt die AFD vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Götz Kubitschek sagt, solche Demonstrationen solle man die AFD besser nicht machen lassen, sondern Leuten überlassen die es können.

Die Gegenstimmen werden lauter, 68 000 Konzertbesucher in Chemnitz.

Hab mir das Buch: Ein Platz an der Sonne geholt

Proust: Bert hatte Recht. Die Begegnung mit Charlus ist ein Knüller. Aber diesen Teil würde ich gern wach und am Stück lesen. Es soll mir nichts entgehen.

Proust lesen Tag 109-Guermantes-Chemnitz

Kiel:

Nach dem Hamburgtag gestern, begann der Morgen damit, dass ich mein Auto überbrücken musste weil ich das Parklicht angelassen hatte. „Was für ein Start in den Montagmorgen!“, rief mir eine junge Frau mitleidig zu.

Es wurde noch einmal warm, der Hornsauerklee blüht und es sieht aus als würde die Magnolie zur dritten Blüte ansetzen. Ich war lange auf Whats App, freute mich über den wunderbaren Blumenstrauß der Nachbarin, beschriftete Marmeladengläser, kaufte ein, buk Kuchen. Die Katzen sonnten sich auf der Dachterasse, ich verwaltete die Wäsche, während auf Whats App Bewegung war.

Anna hatte ihre erste Übungsstunde auf dem Verkehrsübungsplatz.

Innenpolitik: In Chemnitz findet ein Protestkonzert statt, ein wir sind mehr Konzert. 50.000 Gäste.

Habe gerade gelesen, dass auch in Kiel eine „Wir sind mehr“ Demo stattfindet. Kiel ist in der „Bild“ (Werbung) 4000 Demonstrierende.

Proust: Es ist so wie es Jochen Schmidt sagte: nach gefühlten hunderten von Seiten Salon, bemerkt Madame de Guermantes, dass es bei ihr an diesem Abend todlangweilig wäre. Es fühlt sich an als würde Proust sich über den Leser lustig machen. Ich habe mich so dermaßen gelangweilt im Salon der Madame de Guermantes!

Proust lesen Tag 108-Sonntag-Guermantes

 

Ich stelle mich weder links noch rechts auf. Ich bin nicht jüdisch, evangelisch, katholisch, nicht Hindu, nicht Muslima, aber auch nicht atheistisch. Ich hänge nicht einer Pädagogikrichtung an, ich glaube nicht die Wahrheit zu kennen, ich bin gegen Dogmen und für selbstständiges Denken. Ich versuche mir ein Bild zu machen von der aktuellen, innenpolitischen Lage, immer habe ich das Gefühl nicht genug zu wissen, nicht richtig zu interpretieren, ich nehme mir die Zeit nicht mich umfassend zu informieren.

Aber: Chemnitz hat es geschafft in meine Träume einzudringen. Gewalttaten machen mir Angst, egal wer sie verübt und eine aufgebrachte Menschenmenge die brüllt: „auf die Fresse und „keine Gewalt“ macht mir Angst. Wohin entwickelt sich Deutschland?

Proust: Ich bin froh, dass auch Jochen Schmidt, diese Tour durch den Salon als Herausforderung betrachtet. Eine sich anbiedernde Prinzessin von Parma, Abstammungsgenealogien und eine endlose Sucht sich den vermeintlich einem gebührenden Platz zu sichern.

Proust lesen Tag 107-Guermantes

Kiel:

Holunder gepflückt, Quitten auch, ein wunderbarer Herbsttag. Sechzehn Gläser Quitten und Holundermarmelade sind dabei herausgekommen. Brenesselsamen gesammelt, angebraten und zum Salat hinzugefügt. Ein Eichhörnchen sprang mir vor die Füße, es soll ein hartes Jahr für sie werden, die Hitze wirkt sich auch hier aus. Ein wenig gelesen, telefoniert, Gassi gegangen. Ein ruhiger Tag-hier.

Ein Telefonat, in dem es irgendwie wieder um Politik geht. Ich merke an, dass ich nicht verstehe, dass man Gefährder wieder ins Land holt, weil Gefahr besteht, dass sie in ihrem Land gefoltert würden. „Nein, Nein sagt H., so einfach ist das nicht. Das Problem ist, das das Verwaltungsrecht nicht eingehalten wurde. Es gibt Gesetze, Verfahren, die müssen eingehalten werden, sonst öffnet man der Gesetzlosigkeit Tür und Tor. “ das leuchtet mir ein.

Innenpolitik: Trauermarsch der AFD in Chemnitz, mehrere tausend Demonstranten, man sprach von 8000 und 4500 Gegendemonstranten.

Ich denke an dieses Jahr zurück: Es brachte Hamburg, zwei neue Katzen, den Schulwechsel von Anna, politische Veränderungen

Proust: Oriane gibt spitzzüngig zu verstehen, dass sie Charlus für homosexuell hält, denn:

Er trauert komisch um seine Frau: „Er geht alle Tage zum Friedhof und erzählt ihr, wieviele Personen er zum Dinner gehabt hat.“

Sie lebten ja auch wie Heilige zusammen.

ER hat Zartgefühl, etwas Weibisches.—————-

Durch wie viele Salons werde ich noch gehen?

 

Proust lesen Tag 106-Guermantes-noch immer Salon

Hamburg:

Überall Straßenmusiker/innen mit teilweise fantastischen Stimmen. Ich wanderte die Hafencity entlang, wie auch schon im letzten Jahr. Es ist seltsam einen Ort, ein Jahr später wieder zu besuchen, der dann die ihn gespeicherten Erinnerungen wieder freigibt.

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In den Bücherhallen Bücher gejagt, einem kleinen dunkelhäutigen Mädchen beim tanzen zugeschaut, aus dem Cafe kam Applaus und immer wieder diese Hamburgatmosphäre in mich aufgesogen. Ich liebe diese Stadt.

Gegen Zehn war ich zu Hause, fütterte die Katzen, ging mit den Hunden Gassi, fütterte die Hunde und dann todmüde, las ich Proust. Das dabei nicht viel herauskommen kann ist klar.

Proust: Noch immer im Salon von Oriane, wird sich unter anderem geistreich über Victor Hugo und Balzac unterhalten und darüber ob Literatur denn unbedingt das Hässliche in sich sich aufnehmen müsse, dass Leben sei doch schon grausam genug.

Proust lesen Tag 105-Guermantes-Oriane

Proust: An Tagen wie diesen beschränke ich mich allein darauf, niederzuschreiben was haften blieb. Der Ehemann der Madame de Guermantes liebt sie nicht, ihr verhilft seine Kühle und Strenge ihr nervöses Temperament zu erden. Während Oriane mit ihrer Ausstrahlung, ihrem Charme ihren Salon zu dem Salon überhaupt macht, hat ihr Mann wichtigeres zu tun und flattert von einer Liebe zur nächsten. Und so zeigt sich unter der Oberfläche der bezaubernden, schönen, geistreichen Oriane ein zweites Ich, dieses desillusioniert, bitter und müde.

Kiel:

Früh -Spätdienst und Dauerregen. Mit den Kindern im Wald. Wir schlossen die Augen um den Regen noch deutlicher zu hören.

Während Karlas Tanztraining zum Buchladen (eine Kette) gegangen. Ein Buchhändler und eine Buchhändlerin unterhielten sich über den Islam, ob er zu Deutschland gehöre oder nicht. Der Buchhändler sagte, er verstehe die Frauen nicht die den Islam positiv gegenüberständen, denn diese Religion beschnitte die Frauenrechte. Irgendwie ließ mich das an die letzte Predigt denken, die ich vergangenen Sonntag im Radio  zur Beruhigung auf der Fahrtrour gehört hatte, da ging es darum, dass die Frau dem Manne Untertan sei, es war eine katholische Predigt. Das ich mich verfuhr war zwangsläufig.

Die Buchhändlerin jedenfalls, vertrat den Standpunkt, man könne nicht alle über einen Kamm scheren. Das sei ein Totschlagargument sagte der Buchhändler. Ich nahm mir dann Sarrazin, weil er dort rumlag und sowieso gerade überall besprochen wird. Er, Sarrazin hat nichts dagegen, wenn Menschen sich mischen, aber die Migranten wollen das ja gar nicht, weil sie in ihrer Blase leben wollen, später erstreckt er das auf alle Bevölkerungsgruppen. Man will unter sich bleiben, vermutlich führt das irgendwann zu Ethnopluralismus. Ich hätte es polemischer erwartet, mitgenommen habe ich das Buch nicht. Ich finde wenn man Sarrazin auslegt, sollte man auch Sebastian Haffner daneben legen. Man kann nicht nicht Stellung nehmen.

Proust lesen Tag 104-Guermantes und was vom Tage übrig blieb

Kiel:

Der Borretsch blüht und die Bienen kommen in Schwärmen. Der Hornsauerklee blüht auch, zieht die Bienen aber nicht an. Ein paar vereinzelte rote Rosen, orangefarbene Beeren an der Hecke.dav

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Fiona genießt die Aussicht.

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Eine Singdrossel in der Vogelkirsche, auch Amseln und Kernbeißer bedienen sich.

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Ubu und Luna am toben

Sonniger Tag, ich durfte noch auskurieren.

Proust: Oriane ist geistreich, voller Esprit, um sie wird viel Aufhebens gemacht. Sie mag es nicht, wenn in ihrer Gegenwart die Schönheit einer anderen Frau gerühmt wird.

Dort wo Oriane de Guermantes auftaucht, fühlt man sich geadelt, aber man fürchtet auch ihren Spott, die genaue Beobachtungsgabe und die Schärfe ihres Verstandes.

Proust lesen Tag 103-Guermantes-Denver Clan und die einsame Prinzessin von Parma

Courvoisirs gegen Guermantes, die einen legen Wert auf eine tadellose Abstammung, die anderen folgen dem Adel des Geistes. Wo Gute sind muss es auch Böse geben. Die sozialistischen Ideen der Madame de Guermantes werden trotzdem nicht dazu führen, dass die charismatische Oriane einen mittellosen Künstler heiratet. Adel verpflichtet eben doch und die Rangfolge ist nur solange nicht von Belang, wie eine keine Verwässerung des blauen Blutes zur Folge hat..

Proust beschreibt die Bewegungen der männlichen Dekadenz als Choreografie des Ballettcorps.  Die einsame Prinzessin von Parma kopiert jedwede Bewegung der Madame de Guermante, allerdings ohne deren Esprit und so muss sie sich zuweilen mit 2 Gästen im ihren Salon bescheiden.

Kiel

Nachdem es sich gestern schon angekündigt hatte, musste ich mich heute krankmelden.

Es warf alle meine Pläne durcheinander und ich musste mich zu jedweder Tätigkeit aufraffen. Ich gestalte ein Gebärdenbuch mit Guk Karten, lese neurologische Fachliteratur und warte darauf, dass die Kinder aus der Schule kommen und etwas erzählen. Sie erzählen nichts.

Wetter: relativ kühl, wolkenverhangen.

Innenpolitik: Im Chemnitz kam es nach einem Mord auf einem Stadtfest zu bürgerkriegsartigen Verhältnissen.