Sequenz

Also hör mal Mama, wenn ich die Rückenmuskeln anspanne verändert sich der Ton. Hörst du?“ Und da war noch diese Sache mit den Wurzeln und den Blättern, also hör mal… Das ist so cool! Sie haben ein Tablett mit Weintrauben, Äpfeln, Erdbeeren und du nimmst dir das herunter was du brauchst. Verstehst du? Das ist so cool! Man kann immer weiter lernen. Die Zehn bleibt keine Zehn!“ Ich weiß nicht wo das Kind die Energie hernimmt, nach einem Tag am Meer und später am Fluss bin ich hundemüde. Es muss am frühen Aufstehen liegen, dass ich abends so komatös ins Bett falle. Nachts werde ich durch Schritte wach. “ Ich kann nicht schlafen Mama.“ Es ist Anna der ich im Haus begegne. „Dann haben wir dasselbe Problem.“ Der Hund hatte laut jaulend angeschlagen. „Nimm dir ein Buch und lies. Da kann man nicht viel machen. Zum Glück ist Pfingsten“, sage ich.

Nur vor mir liegt ein Sportfest und ein Hamburgtag (heute konsumieren wir), ein vorzubereitender Geburtstag und eine Reise in die Heimatstadt.

Maitag-nahezu unbeschwert

IMG-20180513-WA0019[1]Pusteblumenfallschirme umschwirren uns.  „Ein Schwarm!“ sagt Karla oder: „Schau mal die Spiegelung an der Decke der Brücke. Wie Wellen!“ Hochlandrindkälbchen spurten über die Wiese, ein Fohlen liegt auf dem Rasen im Schatten, Schwalben fliegen und irgendwo ein Bussard. Karla und ich fahren mit dem Rad zu Othello, ihr zahnloses Pferd begrüsst sie stets freudig, lutscht einen Apfel während Karla es striegelt und bürstet. Zwölf Kilometer täglich, sofern es Karlas Zeitplan zulässt. Während Karla vor Energie flirrt, sitze ich völlig atemlos im Gras. Erst seit kurzem haben wir den Bulli mit dem Rad vertauscht.

Zuhause gewöhnt sich der verzärtelte Basilikum eines Discounters ein, auch er ist völlig atemlos ob all der fremden Eindrücke, Sonne und Wind auf seinen Blättern. Täglich schneide ich einen Streifen der Schutzfolie ab. Du schaffst das!“ sage ich. Im letzten Jahr war aus einem Töpfchen eine ganze Plantage entstanden. Im Kindergarten fanden die Kinder eine riesige Tigerschnecke die sich kunstvoll um einen Stock geringelt hatte.

Im Garten entdecke ich einen relativ großen gelben Vogel: ein Pirol? Sonne satt, ein Gefühl von Leichte und Unbeschwertheit. Mit einer Tasse Cappucino geh ich hinüber zur Nachbarin, jetzt ist sie wieder die Zeit in der man sich in den Gärten zusammenfindet, Kuchen isst, Kaffee trinkt am Wochenende auch mal in grösserer Runde.Wir sind älter geworden, die Themen sind nun andere als zehn Jahre zuvor.  Die eigenen Eltern werden alt, pflegebedürftig, man selbst beginnt den Verfall zu spüren, die Gelenke knacken, man hält dagegen mit Joggen und Muckibude . Ich nehme es mir vor, wie jedes Jahr um diese Zeit.

Maitag. Unbeschwert bis der Anruf kommt. Ich werde in meine Heimatstadt fahren……

Kettenreaktion-ein wichtiger Brief geht baden

Auf dem Tisch ein Strauß Flieder. Der wichtige Brief liegt auf dem Tisch, ein paar Blüten-Gastgeschenk der spanischen Austauschschülerin- sind auch noch da.

Stillleben.

Julius kommt vom einkaufen, knallt den Rucksack auf den Tisch, der Flieder kippt um, das Wasser ergießt sich über die spanischen Blüten, es stellt sich heraus dass diese aus hauchzarter Seife sind…So gelangt die wunderbar duftende Mischung auf das Papier.

Nun habe ich es mit Kleenex trockengelegt und anschließ

dav
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end in den Tiefkühlschrank verfrachtet. Angeblich hilft das.

Samstag am 5.

Heute ist wieder Tagebuchbloggen bei Frau Brüllen und ich bin mit dabei.

Niemand ist wach. Es ist der fünfte Mai 2018 um halb sieben morgens mache ich mir einen Cappucino um den Hamburgtag in Angriff nehmen zu können.

Die Buchgewinne müssen zur Post. „Bring Proviant mit“, sagt der der Gatte. Er bestückt das Auto für irgendwelche Auftritte. Ich schalte im Bulli NDR1 ein, kaufe später Blau und Himbeeren und eine Jeans in Größe 42. Als ich zurück komme kauert Karla noch müde auf einem Stuhl vor einer Schale Cornflakes. Ich bin es schließlich die sagt: Karla beeil dich, es ist besser wenn wir einen Zug früher nehmen.

Der Zug vermeldet heute immer wieder „Störung!“ mit paranoid maschineller Stimme. Er ist ein eigenes Wesen und fällt dem Schaffner stets ins Wort. Die Mädchen lesen, ein korpulenter Mann trägt ein winziges Täschchen mit better be athletic, afrikanische Frauen in langen wallenden Kleidern reden lebhaft gestikulierend.

Dann sind wir da. Die Mädchen verschwinden in der Mönckebergstrasse, Sabine und ich trinken Kaffee-nicht in der Sonne.

Ein Engländer versucht fünf richtig auszusprechen, sein Mentor ist streng. Ich esse Spaghetti Bolognese.

„Von den Landungsbrücken tönt es : „Hafenrundfahrt!“ und HSV hat verloren.

 

 

Besucherströme, es riecht nach Schweiß, Bier und Parfüm, Straßenmusik und erste enttäuschte Betrunkene auf der Rückfahrt, die Mädchen lesen, ein Mann ist Gummibärchen von Haribo, während ich mir die Himbeeren aus dem Studentenfutter klaube.

Anna will tanzen gehen, Julius hat wieder einen Spieleabend organisiert, zu meiner Begeisterung. Wo bleibt die Stille der ich hinterherlaufe? Sie ist schneller als ich, stets auf der Flucht.

Wo ist dieser Tag geblieben? Karla und ich streifen kurz vor Toreschluss noch durchs Einkaufszentrum: „Kleine Feuer überall“ ist das Buch das ich kaufe, ein Roman über das perfekte Leben in der Vorstadt und perfekten Familien mit perfekten Masken. Ob es mit „Was ich euch nicht erzählte“ mithalten kann?

Im Vorort angekommen fällt die Stadt von uns ab. „Maiengrün“, Stille und der Geruch von Grillwurst.

dig
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Jetzt bin ich müde.

Alleinseinrhythmus eines bekennenden Faultiers

Es sind diese Tage, sie sind selten, da ist das Haus still. Das in dieser Woche vorherrschende spanisch, englisch, deutsch Sprachgemisch, das Treppengetrampel, das Gelächter, das Singen, das Rufen, ist von Stille abgelöst. Es ist vier Uhr morgens. Noch singen die Vögel nicht, nur das Haus knarzt etwas vor sich hin. Mit einem Kaffee setze ich mich an den Computer. Keine Hunde die von ihrem Sofa herunterspringen um sich enthusiastisch um meine Füße zu legen. Tarantelsprünge für einen Brotkrumen der vom Frühstück herunterfallen könnte. Vieruhrmorgenszeit ist die Stillezeit die ich dem turbulenten Alltag von Zeit zu Zeit abringe.  Damals mit achtzehn in der Fabrik, waren mir die Nachtschichten die liebsten. Erstes Gefühl beim Erwachen: Unzufriedenheit und Glück. Glück: weil ich mein Nachteulendasein einmal ungestraft zelebrieren kann. Am Tage zu denken ist mir nicht möglich. Ich versuche es jetzt, mäßig erfolgreich. Vielleicht lese ich dann noch den Murakami.

Wenn die Nachbarn in den Vorgarten gehen, werde ich, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, das Haus fegen, Wäsche aufhängen. Und dann so bummelig gegen zehn Uhr wird die Müdigkeit Überhand nehmen. Und ich werde es genießen, dass die Ordnung bleibt, wenigstens für wenige Stunden. Sehen möchte ich niemanden, einmal durchatmen. Ins Theater wäre ich gern gegangen: Andorra zu Beispiel.  Aber am Arbeiterkampf und Feiertag bleibt die Kultur geschlossen. Und abends wird die Familie  von Wind und Regen zerzaust wieder aufschlagen. Norddeutsche Camper sind härter.

Nur ich nicht. Ich bin ein bekennendes Faultier.

Sonntag

Diesiger Himmel, regenschwere Luft. Vom Schreibtisch fällt mein Blick auf gelbe, rote und rosafarbene Tulpen. Der Gatte, der jetzt in diesem Moment in der Küche steht und Hefebrötchen bäckt,  hat diesen Vorgarten zu dem gemacht was er jetzt ist- ein Vorgarten.

Anna teilt sich heute ihr Zimmer mit vier weiteren Mädchen, zwei davon sprechen spanisch. Julius ist auf einer Geburtstagsparty. Alles schläft, bis auf den Gatten und mich.

Ich habe eine heftige Erkältung mit hohen Fieber überstanden, in den Schlafpausen las ich „Dunkelgrün fast schwarz“ und „Schlaf auch du“, beides Bücher die es in sich haben, die Tiefen ausloten und nicht zuletzt, hervorragend geschrieben sind.

Ein ruhiger Sonntag liegt vor uns, nachdem der gestrige Tag gespickt war mit herausgehobenen Momenten.

Wer war der alte Mann der im Zug nach seiner Tochter suchte?