„Balkanschriftsteller, was für ein Quatsch!“

Geträumt:

Hab unten an einer Rolltreppe gesessen. Alle fuhren nach oben, nur ich nicht. Auf einem Stuhl, schwer und behäbig, einen Stapel Bücher neben mir. Zu müde und unkonzentriert um zu lesen. Bis dieser jungenhafte Schriftsteller kam, auf die Rolltreppe sprang und rief: „Balkanschriftsteller, was für ein Blödsinn! Entweder ist man Schriftsteller oder man ist keiner!“

Ich gab zu Bedenken, dass Herkunft doch prägt. Die Bilder der Sprache, die Landschaft, die Menschen.

„Mich nicht“, sprach er, „ich bin ganz neu.“

Ich hatte Einwände: „Neu zu sein als Qualität scheint ein schwieriges Unterfangen zu sein. “ Deutete dann auf Menschen die mit grauen Gesichtern und leerem Blick durch die Wandelhalle gingen.

“ Ich bin neu, immer, jeden Tag.“

„Hej warte“, rief ich ihm hinterher, „versprich mir dass du an einem neuen Buch schreibst!“

„Mal sehen“, sagte er und „Balkanschriftsteller, was für ein Blödsinn!“

 

„Hab mir gerade „Die Obstdiebin“ von Peter Handke (aufmerksam geworden durch eine wunderbare Rezension bei literaturleuchtet und Franziska Seyboldts Buch: Rattatatam mein Herz “ (aufmerksam geworden durch die  ebenso wunderbare Rezension von literatourismus) zurücklegen lassen. Das wird ein guter Tag:)

Inspiriert hat den Traum wahrscheinlich ein Beitrag von Linus Giese (Buzzaldrin) im Gespräch mit Sasa Stanisic

Sonntag im Januar auch lesend -„Drehtür“ von Katja Lange und Regen bringt …..

Morgens lange gelesen. Nachdem ich bei Sätze und Schätze  über eine Besprechung von „Drehtür“ stolperte, fiel mir ein, dass ebenjenes Buch ungelesen in meinem Regal steht, Bestseller nicht verlängerbar. Die Bücherhallen warten bereits.

Es geht ums Helfen, um das Warum, um Entwicklungshilfe. Der Roman scheint ein assoziativer Rückblick auf das eigene, aber auch fremde Leben zu sein. Ich verschwinde im Buch, bis ich erschrocken feststelle, dass Zeit zum Kochen ist. Ich suche ein Hörspiel heraus, die Gemüseverarbeitung langweilt mich. Bei diesem blauen Himmel geht Dostojewski nicht- zu schwer, zu düster. Die Suche gestaltet sich etwas schwierig, höre schließlich einen Abschnitt  aus „Der Suche nach der verlorenen Zeit“. Schneide Pastinaken, Möhren, Kartoffeln und rote Beete, während im Hause „Swann“ empfangen wird. Macht das Kunst aus, dass jene Geschichten so aktuell bleiben, zeitlos sind?

Es gibt Backkartoffeln mit Backgemüse, zwischendurch kutschiere ich Karla, hänge Wäsche auf, Geschirrspüler, das Übliche eben.

20180107_143209[1] Kniehoch steht das Wasser. Während Ubu auf seine alten Tage übermütig durch die Fluten jagt, trage ich Luna durch  die neue Seenlandschaft. Einige Fahrradfahrer bahnen sich mutig ihren Weg durch die Fluten.

 

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Ob ich den Elefanten von Dostojewski im Alltag bewältigt bekomme ist fraglich. Zu viele Unterbrechungen machen den Wiedereinstieg jedesmal schwer. Außerdem ist der nächste Geschirrspülgang schon durchgelaufen, eine Ladung Wäsche muss noch in die Waschmaschine.

 

Was machst du eigentlich an einem Freitag im Januar?

Heute ist wieder Tagebuchbloggen  bei Frau Brüllen und ich bin mit dabei.

Es regnet, regnet, regnet.  Die Spätschicht kommt meinem Biorythmus entgegen. Bis spät in die Nacht habe ich noch in „Die Dämonen “ von Dostojewski gelesen. 20180103_190942Der Dreiundfünfzigjährige will das junge Ding nicht heiraten, muss aber wegen der Mitgift.  In der Nacht träume ich von weiten Reisen ohne Geld.

Jetzt aber ist es 8.45 Uhr, der Tag beginnt, nichts ist zu hören. Nichts außer dem gleichmässigen Klopfen der Regentropfen. Gefühlt haben wir die Sonne seit Wochen nicht gesehen. „Regenland Schleswig Holstein“ so rufen es die Kieler Nachrichten an diesem Morgen fettgedruckt in die Welt. Und: „Sie werden staunen: Nächste Woche scheint die Sonne.“

Ich lass die Hunde in den Garten, in den Regen, koch mir einen Cappucino und sehe in Samys Blog einen Ausschnitt aus einem Ballett. Wär es nicht Ulm, würd ich es mir unbedingt ansehen. Neuerdings habe ich morgens Zeit den Reader abzugrasen. Er inspiriert. Es ist schön inspiriert in den Tag zu starten.

Kurz vor zehn fahre ich los.

Im Kindergarten wird gebastelt. Wir haben Kisten mit Selbstbedienungsmaterial, Papier jeder Couleur und Art. Heute entstehen etwas verspätet: Tannenbäume. Die Kinder verarbeiten Weihnachten. Sie basteln frei. Nur selten benutzen wir Schablonen als Hilfsmittel. Nebenbei wird gesungen: Schneemann rolle rolle, obwohl vom Schnee weit und breit nichts zu sehen ist.  Wir wollen bald im Chor mit vielen älteren Menschen singen, alte und neue Lieder, dafür üben wir.  Nach einer Stunde ist die Geduld zu Ende. “ Dürfen wir jetzt spasskämpfen?“

Sie dürfen. Es  wird ein Stoppzeichen ausgemacht, besprochen was erlaubt ist, was nicht und dann losgelegt. Es klappt. Natürlich geht das alles nicht ohne kleine Streitereien oder Konkurrenzkämpfe vonstatten, aber  das soziale Know how ist insgesamt bei den meisten gut ausgeprägt. Ich habe lange gebraucht um das Spaßkämpfen zu akzeptieren bzw. zuzulassen. Aber ich habe gelernt, das diese Raufereien mit Regeln einen hohen Lernfaktor haben. Wie stark bin ich? Wie deutlich muss ich Stop sagen? Es sind meistens die Jungs die es immer wieder mal einfordern. Neben dem ganzen Programm von Kleingruppenarbeit, Schwimmen, Theaterstücke einüben, basteln, singen, Ausflügen muss auch Zeit für Freispiel sein.

Nach dem Mittagessen, es ist immer biologisch selbstgekocht, geht es hinaus: in den Regen. Es ist oft schwierig die Kinder zu überzeugen, die Mühe des Regenhosenanziehens auf sich zu nehmen.

Eine riesige Sandburg wird gebaut, aus Tannenzweigen drum herum ein Wall gebaut.

Es ist dunkel als ich nach Hause komme. Der Gatte baut seit Tagen Regale für die Küche.20180105_194352

„Gatte wir brauchen einen neuen Kalender.“

 

 

Leseindruck „Lichter als der Tag von Mirko Bonne

Ein Mann Ende vierzig, redaktioneller Mitarbeiter beim „Tag“, ansässig im Hamburg, gerät in eine Krise.

Das Buch war ein Zufallsfund. Ich hatte weder Rezensionen gelesen, noch den Klappentext. Es ist selten, dass ich Bücher so unbesehen mitnehme.

Das erste was erfreute, war der literarische Spaziergang an den Landungsbrücken, hin zum Michel, der Hafencity und dem Hauptbahnhof. Am Hauptbahnhof sieht Raimund seine Jugendliebe wieder. Sie sprechen nicht miteinander, aber er beginnt ihren Weg zu verfolgen. Man könnte es Stalking nennen, Bonne misst diesem psychischen Abgrund wenig Bedeutung zu, wird aber situationskomisch als er seinen Protagonisten im Traum Ohlsdorf brüllen lässt.  Der Roman hat von Anfang an etwas magisches oder konstruiertes, je nachdem wie man es benennen will. Bonne nimmt die Midlifecrisis exakt auseinander, beschreibt Erstarrung, Interesselosigkeit, Ausharren, Unbeweglichkeit und das Leben wie es ist, wenn man sich abfindet. Darin liegt die große Stärke des Romans. Man wünscht der Geschichte einen Bewusstseinsprozess, der in der Lage ist Fäden zu finden und aufzugreifen. Leider setzt Bonne dem eine fulminante Flucht entgegen. Schade, denn am Ende scheint nichts gelöst, vieles konstruiert und der Roman versandet wie ein nicht ergriffenes Leben. Lesenswert ist der Roman trotzdem. Den nächsten Bonne werde ich bewusst aus dem Bücherregal nehmen.