„Jahre später“ von Angelika Klüssendorf-Leseeindruck-Entwurf

„Nun ist sie dreißig und weiß immer noch nicht, was gut oder schlecht für sie ist.

Das Mädchen April, aufgewachsen in desolaten Verhältnissen, ist im dritten und letzten Teil der Romantrilogie von Angelika Klüssendorf erwachsen geworden. Mit ihrem elfjährigen Sohn lebt sie in Berlin.

Bei der Lesung aus ihrer Untergrundmappe in einer Galerie auf der Reeperbahn, trifft sie auf den charismatischen Ludwig. Der Chirurg, den sie für erwachsen hält, zieht sie bald in eine intensive Beziehung. Er will sie heiraten, ein Kind mit ihr, man fragt sich bald : was will April? April bleibt keine Zeit um nachzudenken, zu intensiv, verbrennend, existenziell raumgreifend ist diese Verliebtheit.  Zusammen lassen sie einen Vogel in der Tierhandlung frei, schreiben einen ominösen Brief an eine ältliche ewig meckernde Nachbarin, sie bringt ihn bei auf zwei Fingern zu pfeifen, leben spontan, voller skurriler Einfälle. Leichtigkeit.

Das Feuer ist entzündet und wie alles was Ludwig ergreift, ist es ein Ganz oder gar nicht, hat es neben der Magie eine dämonische Seite.

„April ist eine andere, wenn sie liebt. Noch fühlt sie sicher.“  Sie fühlt sich mit dem Leben verbunden. So fulminant, irrlichternd, vereinnahmend diese Liebe begann, umso einsamer und desillusionierter wird sich April später in der lieblos gewordenen Ehe wiederfinden. Das gemeinsame Kind ist gerade erst drei Jahre alt, als Ludwig sie wie etwas nutzlos gewordenes beiseite legt.

Nachmittage aus Zement und Einsamkeit.

Nach anstrengenden Arbeitstagen, verbringt Ludwig die Abende am Computer, feuert Raketen in die Wüste, will in Ruhe gelassen werden. April wird von seiner kalten, manipulativen Unberechenbarkeit ins bodenlose gezogen. Man  wünscht ihr den Mut zur Trennung.

Eine toxische Beziehung, sie übersteht diese Jahre, auch die hasserfüllte Trennung. Es scheint als hätte das Grau gesiegt, bleibt sie noch hoffnungsloser zurück,  wäre da nicht das Schreiben. Am Ende des Romans steht der erste Satz ihres Buches: „Scheiße fliegt durch die Luft.“ Es ist auch der erste Satz des ersten Bandes der Trilogie . „Das Mädchen“

Lakonisch, platzsparend, gerade, spartanisch, unumwunden, präzise, spröde,

so wird der Ton Angelika Klüssendorfs in Rezensionen genannt.

Eine Sprache die unter die Haut geht, eine Geschichte die unter die Haut geht.

Der Roman „Jahre später“ ist bei Kiepenheuer und Witsch 2018  erschienen.