Auf der Suche

Wo beginnt man zu suchen, wenn man der Person die man früher gewesen ist, auf die Spur kommen möchte? Wer war ich am Beginn des eigenständigen Lebens? Wo wollte ich hin? Was liegt verschüttet unter all den Rollen die ich im Verlauf meines Lebens eingenommen habe?

Du tauchtest in meinem Traum auf, als Mahner : was ist aus deinen Träumen geworden? Und selbst im Traum hatte ich keine Antwort.  Meine Tochter spielt Geige, mein Sohn Saxophon und Anna ist nun eine junge Frau. Aber ich fand die Antwort auf deine Frage nicht. Ich stieg heute also in den Keller hinab um die Tagebuchkiste zu suchen. Ich suchte lange. In der hintersten Ecke des Kellers wurde ich fündig. Es hatte einen Wasserschaden gegeben. Die Tagebücher sind in einem  sich auflösenden Zustand. Ich nahm Annas Rucksack und belud ihn mit dem Ich meiner Vergangenheit. Ächzend unter der Last trug ich sie in mein Zimmer.

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Die Tagebücher sind ausgepackt, erste Seiten bereits gelesen.

17.8.89 von Ost nach West

„Die Sonne brennt die Erde aus. Unbarmherzig sendet sie ihre versengenden Strahlen auf alles was lebt. Selbst in der Nacht ist es warm, an Schlaf kaum zu denken. Ich habe zu meinem Verbrauch nur noch acht Mark. Nun lasse ich also alles hinter mir. Dieses schöne Stückchen Land, die Freunde. Dieses Land-es hält mich nicht mehr. Ich muss es riskieren. Ich packe den Rucksack mit der wichtigsten Habe auf meinen Rücken.  Eine letzte Zeile. Ich vertraue Gott. Er wird mich führen.“

Das Tagebuch sechs Jahre später erzählt von einer großen Verliebtheit und dem Schmerz des Abschieds.

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20.06.95

„Heute kam mir dein Bild abhanden. ES verschwamm schon Tage vorher. Die Konturen lösten sich auf.  Übrig geblieben ist nur der Anflug eines Lächelns und die Neigung des Kopfes. Und ich ließ los .“

Oh mein Gott denke ich, dieser Liebeskummer war furchtbar. Ich schließe das Tagebuch lieber erst mal. Das werde ich lesen, wenn niemand mehr wach ist.

Ein Tagebuch gilt der Zeit in Kassel.

Und dann komme ich zur Kieler Zeit.

„Haben heute unsere Aufführung gehabt im Blücher. Improvisation aus dem Publikum heraus. Meine Eifersuchtsszene glückte.  R. spielte zum Gefühlschaosausbruch, Weinen und Fluchen,  fröhliche Melodien.“

R. wurde mein Gatte und Vater unserer wunderbaren Kinder.  Der Alltag ist seit 17 Jahren schnell und oft atemlos.  Es gibt keine Zeit zum in sich gehen. Nur jetzt-in der Zeit der Krankschreibung und in den Träumen.  Die Tagebücher ab 2002 erzählen von steter Müdigkeit, dem Wahnsinn Kinder und Arbeit unter einen Hut zu bekommen, Sorge um die Kinder, Sitzrunden am Sandkasten, erster Schultag. Ich habe es gewagt die Tagebücher aus der Versenkung zu holen. Bald wird Ruhe im Haus einkehren. Die Reise kann beginnen.

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